Von Jean Améry

Tiefsinnhat nie die Welt erhellt,

Klarsinn schaut tiefer in die Welt.

Arthur Schnitzler

Über die Toten nichts als das Wahre: Aber man forscht schwer aus, was das Wahre ist, dann zumal, wenn es um Werturteile geht, die per definitionem der intersubjektiv gültigen Verifikation sich entziehen. Immerhin kann man als werthaft Wahres dasjenige ansehen, das die Geistesgeschichte ratifiziert. Da steht vor uns schon die Frage nach der Größe. „Le plus grand philosophe de notre temps“, der größte Philosoph unserer Zeit – so las ich’s auf der Titelseite des Pariser „Monde“ – und faßte mich an die Stirn in Fassungslosigkeit.

Denn „unsere Zeit“, das ist doch wohl dieses Jahrhundert. Und das brachte noch anderes hervor als den Magus aus dem Alemannenland. Russell, Wittgenstein, Bloch, auch Karl Popper – warum ihn nicht nennen? – und so nebenhin schließlich Jean-Paul Sartre, von dem der deutsche Philosoph Walter Schulz rechtens sagen durfte, daß er hinausgehe „über den transzendentalen Solipsismus, der vom Deutschen Idealismus über Husserl bis zu Heidegger herrscht“.

So ist wohl „Größe“ kein einer denkerischen Persönlichkeit inhärentes Phänomen, sondern ein Netz sozialer Rezeptionen und Reaktionen, das ständig von der Geschichte geknüpft wird. Wem Zeit zugemessen ist, der wird vielleicht noch erfahren können, ob Martin Heidegger der „Größte“ oder auch nur ein „Großer“ war.