Bis zum Knauf steckte das Messer in seiner Brust. Blut lief ihm in den Hosenbund. Doch noch stand er aufrecht. Was um ihn herum vorging, nahm er nicht wahr. Stur schlug er auf seinen Gegner ein. Und der schlug zurück. Ein dumpfer Schlag nach dem anderen. Immer auf den Kopf. Auch das schien ihnen nichts auszumachen – beide waren fast bis zur Besinnungslosigkeit besoffen.

Auch die fünf, sechs Leute, die schwatzend zusahen, wie hier ein Mensch gleich sterbend zu Boden gehen würde, gaben sich unbeteiligt. Kinder spielten gleichmütig in stinkendem Unrat, der knietief auf den Straßen verrottete, verkrümmte Frauen schleppten schwere Wassereimer zu ihrer erbärmlichen Hütte aus Brettern und auseinandergerissenen Kartons.

Das war Mathare Valley vor einem halben Jahr, der größte der Slums von Nairobi. „Aber“, sagte einer der Männer, die dem Kampf zusahen, „das ist nichts Besonderes. Das-passiert hier jeden Tag. Was bleibt uns auch anderes übrig als das da.“ Er zeigte auf eine der großen Pfannen unten am Abhang, in denen illegal Schnaps gebraut wird. „Hier sitzen wir, zusammengepfercht; Arbeit haben wir keine, und Hoffnung machen uns die Bosse auch nicht, daß wir jemals rauskommen. Die piekfeinen Leute da drüben in Nairobi, die haben uns betrogen. Die geben uns nicht, was uns zusteht. Aber lange machen wir das nicht mehr mit. Dann nehmen wir es uns eben mit Gewalt.“

Das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl, betrogen worden zu sein, ausgeliefert einer Entwicklung, die statt der erhofften Vorteile immer mehr Nachteile offenbart – dieses Gefühl existiert nicht nur in Mathare Valley. In New York wird ein Mann auf hellichter Straße abgeknallt, weil ein anderer ihm die paar Dollars, die er gerade von der Bank abgeholt hat, abnehmen will. Wer zufällig dabeisteht, tut so, als habe er nichts gesehen. In Bangkok wird eine Frau mit einer schweren Kohlenmonoxydvergiftung vom Straßenpflaster aufgesammelt; 70 Prozent aller Autos des Landes fahren in der thailändischen Hauptstadt und verpesten die Luft, obwohl nur sieben Prozent der Bevölkerung hier leben. In Tokio quetschen zu den Stoßzeiten ehemalige Berufsringer die Menschenmassen in die überfüllten U-Bahnen; anders kann die Stadt ihre chaotischen Verkehrsprobleme nicht mehr bewältigen. Smogalarm in Frankfurt, Seuchengefahr in Rom, weil die Müllabfuhr streikt, hundert Tote in den vollgepfropften Slums von Manila, weil eine Öllampe ein Großfeuer verursacht – das sind Alltäglichkeiten.

Angst, Aggression, Armut, Unzufriedenheit und Hoffnungslosigkeit gehören heute zum Stadtleben ebenso wie die Unfähigkeit, Auswege und neue Formen des Zusammenlebens zu finden. Nicht nur in New York steht am Ende die Bankrotterklärung.

„Unsere Städte sind unregierbar geworden“, sagt Oberbürgermeister Rudi Arndt. Er meint damit vor allem seine Stadt, Frankfurt. Aber was ist das im Vergleich mit Addis Abeba, wo 90 Prozent der Einwohner in Slums hausen, mit Kalkutta, wo sich mehr als 50 000 Menschen auf einem Quadratkilometer drängen (Frankfurt: 2970), mit New York, wo alle 30 Sekunden jemand ermordet, überfallen, vergewaltigt wird. Was ist das im Vergleich zu den Städten Südamerikas, von denen über die Hälfte weder Kanalisation noch ein Leitungswassersystem haben.

Immer mehr Städte dieser Erde werden zu unmenschlichen, stinkenden Monstern, deren Dienstleistungen zusammenbrechen, die im Müll ersticken, die ihren Verkehr nicht mehr bewältigen, in denen es nicht genügend menschenwürdige Wohnungen gibt. Und dennoch zieht es immer mehr Menschen in die Metropolen. Denn, so paradox dies auch klingt, meistens lebt es sich dort noch besser als auf dem Land. Das gilt vor allem in der Dritten Welt.