Von Nina Grunenberg

Erst ließen ihn die Berliner Genossen fallen und verwehrten ihm das angestrebte Bundestagsmandat: Vielen Sozialdemokraten war Rolf Kreibich zu weit gegangen bei dem Versuch, die Freie Universität zu reformieren. Dann drehten in der vergangenen Woche auch die Universitätsangehörigen den Daumen auf Cäsarenart nach unten: vae victis – wehe den Besiegten. Den linken Fraktionen, die Rolf Kreibich einst auf den Schild gehoben hatten, war er nicht weit, genug gegangen.

Von seinen zahlreichen Gegnern an der Freien Universität Berlin wird der heute 38jährige Präsident zwar schon seit zwei Jahren als „eine fortbestehende Hinterlassenschaft aus jener Zeit“ (Alexander Schwan) angesehen. Aber erst seine Mitteilung, er habe freiwillig darauf verzichtet, ein zweitesmal für das Amt des FU-Präsidenten zu kandidieren, machte auch außerhalb der Berliner Cliquenwirtschaft deutlich, daß Rolf Kreibich „out“ ist und der Reformweg, den er eingeschlagen hatte, nicht mehr weiterführt.

Wie schnell plötzlicher Ruhm der Vergessenheit anheimfällt: Der Mann, der da kurzerhand auf die hochschulpolitische Müllhalde gekippt wurde, machte vor knapp sieben Jahren noch Schlagzeilen als Symbol für die Abkehr der Universität vom tausendjährigen Muff und für den Aufbruch in eine neue Zeit. Rolf Kreibich war ein unbekannter Assistent gewesen, bevor er zum ersten Universitäts-Präsidenten der deutschen Hochschulgeschichte hochgehievt wurde. Die „progressiven Kräfte“ an den Universitäten jubelten. Seine Wahl habe die Hochschullandschaft verändert, hieß es. Das Berliner Beispiel machte Schule. Andere Assistenten, die zu Hochschul-Präsidenten gewählt wurden, waren Peter Fischer-Appelt in Hamburg, Thomas von der Vring in Bremen und Alexander Wittkowsky an der Technischen Universität in Berlin.

Wegen dieser für akademische Verhältnisse abenteuerlichen Karrieren wurden die Assistenten damals auch als die Kriegsgewinnler der wilden Jahre apostrophiert. Sie waren allerdings auch die einzigen gewesen, die Impulse zur Hochschulreform gegeben hatten – nicht die Professoren, die die Hochschulpolitik lieber den Politikern überlassen hätten und aus Furcht vor den Studenten sogar bereit waren, dafür ihre Autonomie in den Wind zu schreiben. Viele Assistenten, die sich damals aktiv in ihren Hochschulen engagierten, wurden deshalb von ihren Ordinarien in der Karriere eher behindert als gefördert. Leute wie von der Vring, der ein politisches Training bei den Jusos hinter sich hatte (und damals den Slogan „Wir sind die SPD der achtziger Jahre“ erfand), und Fischer-Appelt waren die Ausnahme. Im nachhinein ist es vielleicht bezeichnend, daß Rolf Kreibich – er war 31 Jahre alt, als er gewählt wurde – Diplom-Physiker mit einem Zweitstudium als Soziologe, zwar aus der Assistentenbewegung kam, aber nie zu der wissenschaftstheoretisch und politisch gut gebildeten Garde der Bundesassistenten-Konferenz gehört hatte. Um diese Zeit veröffentlichte sie unter ihrem Vorsitzenden Fischer-Appelt das erste geschlossene Konzept zur Hochschulreform („Kreuznacher Konzept“).

Begünstigt wurden die Assistenten auch von den neuen Hochschulgesetzen und den in ihnen erstmals geregelten Paritäten. Rudolf Walter Leonhard schrieb damals in der ZEIT: „Ein Professor kann nicht gewählt werden, weil die Spannungen zwischen dem Stand der bisher an den Universitäten Herrschenden, also den ordentlichen Professoren, und den bisher Abhängigen, auch in Zukunft keineswegs ganz Unabhängigen, zu groß sind, als daß aus der solidarisierten Zwei-Drittel-Mehrheit des Assistenten- und des Studentenstandes jenes Viertel herausbrechen könnte, das nötig wäre für den Wahlsieg des Professors.“

Es spielte auch keine Rolle mehr, daß sich die Erfinder des „Universitäts-Präsidenten“ darunter ursprünglich eine „Persönlichkeit des öffentlichen Lebens“ vorgestellt hatten, die vorzugsweise Erfahrung in der Führung eines Großunternehmens vorweisen sollte (mit einem Gesamtetat von gut 700 Millionen Mark hat die FU im Jahr noch etwas mehr Geld zur Verfügung als die Max-Planck-Gesellschaft mit ihren 50 Instituten). Doch von einem Industriellen etwa, der nach amerikanischem Vorbild die Krönung seines Lebens darin gesehen hätte, der Sache der Wissenschaft zu dienen, hätte damals niemand ein Stück Brot angenommen. Im Rausch dieser Jahre wurde nur den Jungen und den Neuen, den Unverbrauchten und den Linken eine Chance gegeben. Man erwartete das Heil von ihnen, gewünscht war ein Messias.