Von Theo Löbsack

Noch immer ist gegen die Viruskrankheiten kein medikamentöses „Kraut“ gewachsen. Gegen einige von ihnen kann man zwar vorbeugend impfen, im übrigen aber muß man darauf vertrauen, daß der Körper sich selber hilft. Er tut dies, indem er einerseits Antikörper gegen die Viren entwickelt, andererseits produziert er einen Eiweißstoff, der die Zellen in der Umgebung des Infektionsbereiches schützt. Dieser Stoff heißt Interferon.

Bemerkenswert ist, daß kein Virus bisher gegen das Interferon „resistent“ geworden ist, also unempfindlich gegen dessen neutralisierende Wirkung. Das könnte sich aber grundlegend ändern, wenn künstlich gewonnenes Interferon im großen Maßstab als Medikament eingesetzt würde. Im Verlauf einer längeren Interferon-Behandlung könnten schließlich doch Viren entstehen, die gegen dieses wichtige körpereigene Abwehrsystem immun wären und damit als Krankheitserreger nahezu freie Bahn hätten.

Damit könnte eine weit gefährlichere Situation entstehen, als sie gegenwärtig schon mit der Bakterienresistenz gegen Antibiotika eingetreten ist. Denn wenn die Waffen der Antibiotika stumpf werden – wie wir dies jetzt erleben –, so sind wir zumindest nicht schlechter gestellt als vor der Antibiotika-Ära, von bestimmten genetischen Problemen einmal abgesehen. Wenn aber Interferon-resistente Viren existieren, so wäre dies vergleichbar mit dem Auftreten gänzlich neuer, wie von einem anderen Planeten stammender Krankheitserreger, gegen die es kaum noch eine Gegenwehr gäbe. Denn solche Viren – das muß man sich dazu vor Augen halten – wären ja nicht gegen irgendein Chemotherapeutikum resistent, das durch ein anderes ersetzt werden könnte. Sie wären vielmehr resistent gegen einen in die Immunantwort des Körpers integrierten Stoff, der nicht ersetzt werden kann. Das Interferon würde seine im stammesgeschichtlichen Ausleseprozeß erworbene Bedeutung völlig verlieren.

Wörtlich übersetzt heißt „Virus“ nichts anderes als „Gift“. In der Medizin versteht man unter den Viren freilich etwas anderes. Nachdem sie ursprünglich für parasitäre Miniorganismen gehalten wurden, erwiesen sie sich bald als Kombinationen von Nukleinsäure und Protein, die erst in einem Wirtsorganismus unter geeigneten Bedingungen zu einem vergleichsweise „geborgten“ Leben erwachen.

Auf Grund ihres Nukleinsäurebestandteils teilt man die Viren in DNS- und RNS-Viren ein (desoxyribonucleinsäure- bzw. ribonucleinsäurehaltige Viren). Bei einem typischen Virus wird die für seine Eigenschaften verantwortliche Nukleinsäure von einem Proteinmantel umschlossen wie der Kerzendocht vom Wachs.

Viren sind außerordentlich kleine Gebilde. Herpes simplex beispielsweise, der kugelförmige Erreger der „Fieberbläschen“, hat nur einen Durchmesser von 180 mal 10 hoch -8 Millimeter. Stellt man sich ihn in der Größe eines Tischtennisballes vor, so müßte ein menschliches Lippenpaar maßstabgerecht die Größe von zehn aneinandergereihten Fußballplätzen haben. Es gibt allerdings noch wesentlich kleinere Viren.