Von Horst Bieber

Die Besucher gaben sich im Kreml fast die Klinke in die Hand. Kaum war Raul Castro, Fidel-Bruder und kubanischer Verteidigungsminister, aus Moskau abgereist, da traf für eine Woche Samora Machel, der Präsident von Moçambique, mit einer Regierungsdelegation in der sowjetischen Hauptstadt ein. Sein Flugzeug hatte eben zum Rückflug abgehoben, als der angolanische Ministerpräsident Lopo do Nascimento sich bei seinen russischen Freunden die Ehre gab. Dieser Besuch war noch nicht beendet, da teilte der amerikanische Außenminister Kissinger überraschend mit, Fidel Castro habe ihn via Schweden wissen lassen, daß er – in Raten von 200 Mann pro Woche – seine Truppen aus Angola abziehen wolle und mit dieser Aktion bereits begonnen habe.

Dabei hatte Kubas stellvertretender Ministerpräsident Rafael Rodriguez noch Stunden zuvor der Beteuerung seines bärtigen maximo Uder widersprochen, Havanna werde weder ein „zweites Angola in Rhodesien“ schaffen noch Truppen nach Lateinamerika schicken. Falls auf dem südamerikanischen Halbkontinent eine Situation wie in Angola entstehe, könne Havanna sehr wohl ein bewaffnetes Kontingent entsenden, „obwohl ich daran erinnern muß, daß die Geschichte niemals zwei identische Fälle hervorbringt“, sagte er.

Geplantes Verwirrspiel oder unfreiwillige Konfusion? Russisch-kubanisches Einlenken, um die Détente nicht zu gefährden, oder ein Zurückweichen vor amerikanischen Warnungen?

Die Abmachungen der Sowjetunion mit Angola und Moçambique und die Kommuniqués nach den beiden Staatsbesuchen legen eine andere Deutung nahe. Nach dem militärischen Erfolg ist die angolanische MPLA-Führung in die weitaus schwierigere zweite Phase der Revolution eingetreten, in der sie ihren Sieg stabilisieren und „den Frieden gewinnen“ muß. Statt Soldaten braucht das Land jetzt zivile Fachleute. Im übrigen könnte die Ankündigung des militärischen Abzugs im amerikanischen Wahlkampf auch noch zugunsten Fords (und Kissingers) ausschlagen, die Moskau und Havanna genehmer sind als der auf der rechten Welle reitende kalifornische Ex-Gouverneur Reagan.

Die Dokumente zeigen freilich auch, daß Moskau auf dem schwarzen Kontinent zwei schwierige und vor allem kostspielige Partner bekommen hat, die dringend auf sowjetische Hilfe angewiesen sind – denn Kuba kann aus eigener Kraft nichts Entsprechendes gewähren. Amerikanische Geheimdienstberichte, und jüngste kubanische Verordnungen stimmen in seltener Einmütigkeit darin überein, daß sich das Fehlen des Expeditionsheeres (zwischen 12 000 und 15 000 Mann, davon etwa 8000 „Nur“-Soldaten stehen in Angola) in der Wirtschaft der Zuckerinsel empfindlich bemerkbar macht. Die Produktion ist um zehn bis fünfzehn Prozent zurückgegangen; im Gesundheitswesen, in der Planungsbürokratie, auf dem Transportsektor und in speziellen Bereichen der Bauindustrie hat Havanna bereits Engpässe wegen der abgezogenen Fachkräfte eingestanden.

Dabei ist Angola auf die Dienste der Kubaner nach wie vor angewiesen. Ohne sie ist weder an die Ausbildung einer eigenen Armee noch an den Aufbau einer Verwaltung noch an die Wiederankurbelung der Wirtschaft zu denken, die sich von den Folgen des Bürgerkriegs und der Flucht der weißen portugiesischen Facharbeiter noch nicht erholt hat. Kubanische Instrukteure halten die Disziplin unter der „zur Anarchie und totaler Egalität neigenden Truppe“ (so Verteidigungsminister Iko Carreira) aufrecht; kubanische Mechaniker versuchen, die 20 000 (von insgesamt 25 000) zerstörten Lastwagen zu reparieren. Sie werden dringend zu Lebensmitteltransporten aus dem Süden benötigt; denn im Norden droht eine Hungersnot. Kubanische Ärzte, Sanitäter und Verwaltungsexperten kümmern sich um die 250 000 inländischen Flüchtlinge und die 35 000 Bewohner ehemaliger „Friedensdörfer“, die nach der Unabhängigkeit ihren Mini-KZs und der von den Kolonialherren erzwungenen Feldarbeit entflohen und nun als Arbeitslose in die städtischen Slums strömen.