Von Margrit Gerste

Proposition 15“ oder auch „Prop 15“, dieser Name ist inzwischen so prominent wie der von Gerald Ford oder Ronald Reagan, Jimmy Carter, Jerry Brown oder Morris Udall, über deren Chancen für die Präsidentschaftskandidatür die Kalifornier am selben Tag abstimmen. „Proposition 15 – California Nuclear Safeguarding Initiative“ ist der Titel eines Volksbegehrens, das die Schließung bestehender und das Verbot für geplante Kernkraftwerke vorsieht, falls die Industrie strengste Sicherheitsauflagen und höhere Schadensersatzansprüche nicht erfüllen kann.

Drei Reaktoren sind in Betrieb und decken etwa vier Prozent des Strombedarfs. Doch sie dürften künftig nur noch mit 60 Prozent ihrer Kapazität betrieben werden, es sei denn, eine Zweidrittelmehrheit der Gesetzgeber kann davon überzeugt werden, daß zum Beispiel die Kühlsysteme funktionieren und das Problem der Lagerung des noch jahrhundertlang stark strahlenden Atommülls gelöst ist.

Außerdem müßte die Bundesregierung die Grenze für Regreßansprüche an die Industrie im Falle einer Katastrophe beseitigen. Sie liegt derzeit bei 560 Millionen Dollar. Tatsächlich aber könnte ein Unfall laut Berechnungen der Atomenergie-Kommission Schäden von 14 Milliarden Dollar anrichten und 50 000 Menschen töten oder krankmachen. Sollten all diese Bedingungen innerhalb von fünf Jahren immer noch nicht erfüllt sein, müßte der Reaktorbetrieb jedes Jahr um weitere zehn Prozent gedrosselt werden. Das Ende der Nuklearindustrie käme mit dem Jahre 1987.

„Wenn das kalifornische Referendum durchkommt, könnte es ein Präriefeuer verursachen, das sich über das ganze Land ausbreitet“, fürchtet Carl Horn, Vorsitzender der Duke Power Company. Er hat wahrscheinlich recht. Denn schon stehen ähnliche Abstimmungen Ende November in Oregon und Colorado an, und in etwa zwanzig weiteren Bundesstaaten sammeln Bürgerinitiativen Stimmen für Volksbegehren. Ein Wahlkampfhelfer aus dem Hauptquartier der Reaktorgegner in Los Angeles meinte denn auch: „Wer weiß, dies könnte ein Fulltime-Job werden.“

Doch um das zu verhindern und den Brand gleichzeitig zu löschen, kämpft die Nuklearindustrie hart mit den ihr eigenen Mitteln: mit Dollars, politischem Einfluß, mächtigen Koalitionspartnern und gewieften Public-Relations-Managern aus den eigenen Vorstandsetagen. Über zwei Millionen Dollar aus den Etats von Exxon, General Electric, Westinghouse und anderen Giganten sind dem „No-on-15“-Komitee schon zugeflossen. An seiner Spitze marschiert Edmund Brown, ehemaliger Gouverneur von Kalifornien und Vater des derzeitigen Gouverneurs und demokratischen Präsidentschaftskandidaten Jerry Brown. Über seine Gegner sagt er: „Es mögen ja gutmeinende Leute sein, aber sie benehmen sich wie die spanische Inquisition. Sie wissen, verdammt noch mal, nicht, was sie tun.“