Von Reinhard Baumgart

Mit Jurij Trifonow ist in den westlichen Sprachen ein sowjetischer Autor aufgetaucht, der gegen die üblichen Fragen unserer Literatur-Kremlologen merkwürdig resistent scheint. Ist er ein Dissident oder ein Offiziöser? Keine deutliche Antwort. Das Merkwürdigste, das Beunruhigendste an Trifonows Erzählungen ist ja gerade ihre dröhnende Privatheit, diese scheinbare Abwesenheit jedes politischen Motivs und Gedankens. Sie handeln von „nichts weiter“ als von emotionalen Beziehungen, von Liebeskrisen, Eheblamagen, Familien-Ruinen.

Und doch hat die sowjetische Kulturpolitik gerade diesen Autor kürzlich ins befreundete wie unbefreundete Ausland geschickt. Trifonow war auf der Leipziger Buchmesse zu sehen und vorher sogar auf einer Lesetournee durch die Bundesrepublik, eingerahmt von den üblichen Kulturfunktionären. Soll er die These beweisen helfen, daß es längst eine russische Literatur von Rang gibt, die sich auf die Alternative Dissidententum oder Linientreue nicht festlegen läßt?

Aber (eine andere, die eigentlich arrogante Standardfrage an alle Literatur von jenseits der Elbe): genügt Trifonow wenigstens „rein literarisch“ unseren Ansprüchen, erfüllt er die westlichen Modernitäts-Standards für erzählende Prosa? Wieder keine klare Antwort. Zunächst nämlich scheint es so, als wehe durch diese Erzählungen noch die milde Luft des neunzehnten Jahrhunderts, als wären da Turgenjew oder Tschechow gar nicht so weit. Doch immer wieder reißt das solide Gewebe, springt die Glasur. Die Sätze beschleunigen sich, die Perspektiven wechseln, eine klare Übersicht wird irritiert, immer neue Namen, Personen drängeln sich auf den Seiten, tauchen auf, verschwinden wieder – kein Zweifel: hier kommen Erfahrungen authentisch zur Sprache, die nur in einer Großstadt dieses Jahrhunderts gemacht werden konnten.

Zwei aus dem Zyklus dieser Moskauer Novellen sind inzwischen in westdeutschen Verlagen erschienen (eine dritte, „Zwischenbilanz“, wurde in der DDR übersetzt) –

Jurij Trifonow: „Der Tausch“, aus dem Russischen von Alexander Kaempfe und Helen von Ssachno; SP 79, Piper Verlag, München, 1974; 87 S., 8,– DM.

Jurij Trifonow: „Langer Abschied“, aus dem Russischen von Sylvia List; SL 165, Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1976; 131 S., 12,80 DM.