Beide Geschichten spielen in der Moskauer Intelligenzia der fünfziger und sechziger Jahre, unter Ingenieuren, Literaten, Archäologen, Übersetzern, Schauspielern. Beide erzählen Prozesse mit negativem Ausgang, den Zerfall von Bindungen, Hoffnungen, die allmähliche Gewöhnung an Frustrationen und Ersatzglück, an die Lebenslüge. Das alles geschieht so unscheinbar still, in so unmerklich kleinen Schritten, daß der dramatische, der historische Hintergrund dieser Privatkatastrophen zunächst kaum durchscheint.

Was unterscheidet, so fragt man immer wieder irritiert von der Lektüre aufblickend, solch Moskauer Zerfallsprozesse von vergleichbaren in Stockholm oder Boston oder Mailand? Unübersehbar ist zunächst nur, wie der Alltag dieser Menschen aus den immerhin oberen Schichten der sowjetischen Gesellschaft durch materielle Versorgungsprobleme sowohl eingeschnürt ist wie abenteuerlich wird. Die Jagd nach Kreppsohlen, einem gemütlichen Posten, einer Zweizimmerwohnung, der fetischhafte Besitz einer Flasche „White Horse“ oder einer „Beziehung“, das alles bindet und verbraucht da unerhört viel Energie. Aber Trifonows Sorge scheint zu allerletzt die, seine Leute etwas besser, reibungsloser versorgt zu sehen. Sarkastisch und elegisch registriert er immer wieder, wie gleichmütig sich dieses Betontier Moskau durch alle Reste alten Lebens, durch Dörfer, Datschensiedlungen, Gärten, Felder hindurchfrißt, wie da eine austauschbare Achtstöckigkeit sich an die andere reiht, dazu Stadien, Hotels, Superläden, alles funktionstüchtig, konsumentenfreundlich, nur eben etwas unmenschlich. Immer wieder setzt er dagegen Bilder aus den dreißiger Jahren, Bilder eines dürftigeren, improvisierteren Lebens, durch das auch immer noch, schon etwas verloren, desorientiert, die Figuren von ein paar alten Onkels oder Opas stolpern, Leuten mit revolutionären Erinnerungen.

Das alles weist still, undeutlich drohend aus dem Hintergrund der Erzählungen in die jeweilige Hauptgeschichte. Hier arbeitet jemand mit mehr als doppeltem Boden. Im „Tausch“, der Geschichte einer nach vierzehn Jahren endgültig zur Lüge einfrierenden Ehe, eines Wohnungstausches über die Leiche der Mutter beziehungsweise Schwiegermutter hinweg, werden die Kunstgriffe noch sehr offen angelegt, funktionieren manchmal zu patent. „Langer Abschied“ dagegen, später geschrieben, entfaltet das dichte Geflecht der Personen, Motive, Zeiten mit einer ganz und gar unscheinbar gewordenen Meisterschaft.

Erzählt wird diese Geschichte vor allem durch die Köpfe ihrer beiden Protagonisten, der Schauspielerin Lalja und des erfolglosen Literaten Grischa, beide Ende Zwanzig, aneinander gebunden durch eine dreizehnjährige Liebesgeschichte, seit Jahren zusammen lebend, von Krise zu Krise, eine schöne Leichtsinnige, mit immer einsatzbereitem Mitgefühl, und ein brütender, verletzlicher, hilfsbedürftiger Intellektueller.

Ihr Leichtsinn und ihre caritative Güte haben Lalja abtreiben lassen in eine unverbindliche Liaison mit dem Stückeschreiber Smoljanow, einem zwar bäurischen Menschen, doch ausgerüstet mit der praktischen Tendenz und dem angenehmen Talent, „sein Leben einzurichten, zu gestalten, wie ein Zimmer mit Möbeln Der gute Grischa, so eifersüchtig wie weltfremd, braucht eine lange Weile, um endlich zu erkennen, was da vor seinen Schwermutsaugen passiert ist. Der ganze Hintergrund seines Lebens, der Familie Laijas, ihrer abgelebten Hoffnungen und Enttäuschungen wird Zug um Zug in die Geschichte hineingeschrieben, bevor es so weit ist. Langer Abschied.

Unmerklich hat sich die Erzählung während dieses langwierigen Prozesses angereichert mit lauter Motiven, die aus ihr mehr machen als die übliche Liebesgeschichte im Dreieck. Wohin auch Trifonows Blick sich richtet, überall sieht er immer ähnliche Zusammenbrüche oder Triumphe, in der immer gleichen schwülen Restaurationsstimmung. Wer Karriere will, bezahlt mit Anpassung und macht Karriere. Wer sich nicht anpassen will, kann sich entziehen ins Bedürfnislose Pfoten hoch“), oder er wird im Kleinkrieg mit immer kleinlicheren Alltagssorgen zermürbt, wie hier vor allem die Frauen.

Aber Grischa, „vom Hochmut gepeitscht“, will eben diese Alternative nicht unterschreiben. In seinen langen Bibliothekstagen gräbt er sich in die Vor- und Frühgeschichte der Revolution, in die Geschichte des russischen Anarchismus ein, störrisch und verzweifelt. „All das hatte absolut keine Perspektive, das sah auch ein Blöder“, läßt ihn Trifonow zwar sagen, aber er selbst hat immerhin genau den Anarchisten-Roman geschrieben, den sein Grischa (geboren übrigens im gleichen Jahr wie Trifonow: 1925) nicht zustande bringen wird („Die Zeit der Ungeduld“, besprochen von Heinrich Böll, DIE ZEIT Nr. 34, 15. August 1975). Kann man, soll man deutlicher werden? Die inbrünstigen Hoffnungen, mit denen damals unter den Zaren gebombt und gelitten wurde, genau diese immer noch unerfüllten Hoffnungen auf ein absolut anderes Leben, scheinen die Trauerkrankheit, an denen Trifonows Moskauer, die Erfolgreichen wie die Erfolglosen, nun dahinsiechen.