Von Peter Höltschi

Da steh’ ich also, die Stiefel im Stallmist, und gäbe ein Königreich für kein Pferd. Dabei soll es ganz einfach sein, sagen die Bauern: Man geht einfach zum Pferd hin, bindet es los, führt es am Zaun aus seiner Box und aus dem Stall heraus, wo man es dann vor den Wagen spannt. Dabei, sagen die Bauern noch, sei es ein Vorteil, wenn man von links an das Pferd herangehe, weil es das so gewohnt sei. Und dazu müsse man einige Male in beruhigendem Tone den Namen des Pferdes sagen.

Mein Pferd, oder genauer: das mir zugeteilte Pferd heißt „Pastis“ – wie dieser starke französische Anis-Schnaps, den man in dieser Gegend, im französischen Teil des Schweizer Jura, häufig zum Apéritif trinkt. Also, nun steh’ ich da und flüstere: „Pastis... Pastis... Pastis...“ Kann sich das vielleicht jemand vorstellen: ein erwachsener Mensch, der vor einem Pferd im Stallmist steht, „Pastis, Pastis“ flüstert und um sein Leben bangt.

Nun bin ich natürlich für mein Unglück selbst verantwortlich: wollte den Kindern eine Freude machen, meldete mich euphorisch für ein Zigeuner-Weekend im Schweizer Jura an und versprach großmäulig, die Sache würden wir schon schaukeln mit dem Pferd und so. Früher, hatte ich noch belehrend hinzugefügt, hätten die Leute täglich Umgang mit Pferden gehabt, wie wir mit Autos ... So schwierig könne das also nicht sein.

Es ist aber schwierig. Nachdem ich die erste Heldentat vollbracht und dieses Ungetüm von einem Wesen aus dem Stall manövriert habe, wird mir gezeigt – am Kopf eines anderen Pferdes –, wie man das Zaumzeug anlegt. Die Schwierigkeit ist dabei einfach die, daß mein Pastis nicht daran denkt, sein Gebiß auseinanderzumachen, damit ich die Kandare dazwischen schieben kann. Irgendwie begreife ich das ja auch: Wer läßt sich schon gern einen Metallriegel zwischen die Zähne schieben? Pastis ist dann aber doch so blöd und läßt sich, wenn man ihm seitlich das Maul kitzelt, das Zaumzeug anlegen. Die Sache mit dem Kitzeln muß man freilich wissen, und ich frage mich, wie die Menschen, die vor Jahrtausenden als erste Pferde aufzäumten, darauf gekommen sind.

Es folgt nun die komische Nummer mit dem Geschirr. Dieses besteht aus ein paar tausend Ösen und Riemen und Schnallen und Stricken und Gurten. Sie sind an einem Halfter befestigt, den man dem Pferd über den Kopf streift – wieder so eine Tapferkeitsübung –, worauf man das Geschirr zwanglos über den Pferderücken ausbreitet. Irgendwie paßt dann alles zusammen, wobei man allerdings unter dem Pferdebauch durchgreifen muß, um das Lederzeug festzuzurren, was natürlich wiederum mit höllischen Gefahren verbunden ist.

Beim Einspannen gehe ich zügig vor, geradezu tollkühn. Packe Pastis – von links – an der Kandare, er watschelt brav neben mir her zum bereitstehenden Planwagen, eine Deichsel habe ich, gewitzt, schon vorher hochgeklappt, so daß Pastis jetzt von der Seite vor den Wagen geführt werden kann, wo er liebenswürdigerweise stehenbleibt. Nur: der Wagen steht einen halben Meter zu weit hinten, respektive das Pferd einen halben Meter zu weit vorn. Der Versuch, Pastis diesen halben Meter zurückzudrängen, scheitert kläglich. Den Versuch, den Planwagen mit eigener Kraft, mit einer Menschenstärke, vorzuziehen, brauche ich nicht weiter zu kommentieren – das höhnische Gelächter von Frau und Kindern genügt. Pastis, der gute Freund, hat inzwischen ein leckeres Grasbüschel entdeckt – fünf Meter weiter vorne. Ich zerre ihn da weg, führe ihn wieder vor den Wagen... immerhin, beim fünften Anlauf gelingt es: Pastis steht zwischen den Deichseln und kann eingespannt werden. Ich also nichts wie los auf den Kutscherbock: die Schönheiten des Schweizer Jura aus der Sicht des verwegenen Zigeuners genossen!