Von Karl-Heinz Janßen

Wenige Tage vor dem Besuch Edward Giereks in Bonn stand noch nicht fest, ob das Kulturabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik unterzeichnet werden kann, mit dem sich der polnische Parteichef gern geschmückt hätte. Die historische Begegnung drohte durch einen Streit um die Historie getrübt zu werden. Warschau verlangte nämlich, Bundeskanzler Schmidt solle sich dafür verbürgen, daß die Braunschweiger Empfehlungen der gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission für eine Revision der Geschichts- und Geographiebücher in die Tat umgesetzt werden. Irgendeine „stramme Erklärung“, so hörte man, würde den Polen genügen. Anscheinend hatten sich die polnischen Partner vorgestellt, der Kanzler könne einfach, ungeachtet der Kulturhoheit der Länder, elf Kultusminister vergattern.

Aber der Kanzler vermag nicht mehr als Außenminister Genscher bei seinem letzten Besuch in Warschau, der damals im Oktober eine „möglichst baldige Umsetzung (der Empfehlungen) in die Praxis“ befürwortete. Die Sorge der Polen ist freilich nicht ganz unbegründet. Schon vor einem Jahr, als die Empfehlungen der deutschen und polnischen Wissenschaftler zur Zeitgeschichte bekannt wurden, hatte der bayerische Kultusminister Hans Maier vorbeugend erklärt, das Ergebnis der Schulbuchgespräche sei für ihn nicht verbindlich. Maier fühlt sich den christlichen Demokraten verbunden, gehört also zu jener politischen Spezies, von der polnische Schulkinder noch bis vor kurzem aus ihren Büchern erfuhren, sie sei imperialistisch, revanchistisch, revisionistisch.

Es irritierte die Polen – unerfahren mit den langsam mahlenden Mühlen einer föderativen Bürokratie – noch mehr, daß sich die Kultusministerkonferenz. sechs Jahre nach dem Warschauer Vertrag noch nicht dazu hat durchringen können, den sogenannten Ostkunde-Erlaß aus dem Jahre 1956 zurückzuziehen. Die Zusicherung, dieser Erlaß werde ohnehin nicht mehr befolgt, ist da ein schwacher Trost.

Auch erklärt sich die polnische Ungeduld aus der unterschiedlichen Ausgangslage bei den Gesprächen über die Schulbuchsäuberung. Auf deutscher Seite verhandelten unabhängige Wissenschaftler, auf polnischer Seite staatlich Beauftragte. Für die Polen ist es recht einfach, die Beschlüsse durchzusetzen: Es gibt nur einen Staatsverlag, und an allen Schulen sind die gleichen Bücher vorgeschrieben. In der Bundesrepublik aber bietet ein gutes Dutzend Schulbuchverlage zur Zeit insgesamt 97 verschiedene Geschichtsbücher und 64 Erdkundebücher an. Die Produktion eines neuen Buches dauert etwa zwei Jahre. Weder die Autoren noch die Verleger lassen sich reglementieren, sie wollen überzeugt werden.

Polnische Journalisten in Bonn haben moniert, die deutschen Verlage beeilten sich nicht mit der Revision. Aber solche Pauschalkritik wird den wahren Verhältnissen nicht gerecht. Mustergültig im Sinne der Braunschweiger Empfehlungen ist ein soeben erschienenes westermann-colleg für den Gemeinschaftskunde- und Geographieunterricht in der Sekundarstufe II, also für die Oberstufe der Gymnasien („Raum und Gesellschaft“, Heft 5). Jede Seite kommt darin zu ihrem Recht: Im Wortlaut abgedruckt sind der Warschauer Vertrag, die Warschauer Rede Willy Brandts, aber auch der Friedensvertragsvorbehalt der Bundesregierung und des Bundestags zur Oder-Neiße-Grenze sowie Auszüge aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1973; nachzulesen ist auch das Geheimprotokoll der Außenminister Ribbentrop und Molotow über die Aufteilung Polens im Jahre 1939. Die Schüler werden angehalten, über „Polen in seinen neuen Grenzen“ nachzudenken.

Dieses Buch ist beileibe kein Einzelfall. In einem Geschichtsbuch aus dem Diesterweg-Verlag für die Hauptschule wurden schon 1974 Fragen gestellt, die für sich sprechen: „Wie konnten sich Vorurteile der Deutschen gegenüber den Polen bilden?“ – „Wie umstritten ist die Ostkolonisation?“ – „Erkläre, was es für Polen bedeutet, seit 1466 Danzig und andere Ostseehäfen zu besitzen?“