ZDF, Donnerstag, 27. Mai: „Was fällt Ihnen zu Himmelfahrt ein?“

Drei Menschen sprechen über Himmelfahrt. Ein Mann und zwei Frauen: zwei Geistliche und eine Lehrerin bemühen sich, eine Beziehung herzustellen zwischen Leben und Lehre, zwischen Erfahrung und Dogma, zwischen Subjektivität und verbindlichem Anspruch – hier der einzelne in einer bestimmten geschichtlichen Situation und dort das Wort der Schrift; hier, gesellschaftsbestimmt und gesellschaftsbestimmend, ein sehr konkretes Individuum und dort der längst zum Abstraktupi gewordene Text: wie kommt das zusammen?

Drei Menschen sprechen über Himmelfahrt, suchen zu begreifen, was das überhaupt ist: Himmel (für Luther mit seinem ptolemäischen Raumsinn, seiner starren Blickrichtung: oben ist Himmel und unten ist Hölle, und die Welt ist in der Mitte, war das Problem noch einfach. Luther hatte den Himmel. Wir haben die Himmel); drei Menschen zitieren die gleichen Worte „mir ist gegeben alle Gewalt“, deuten sie auf verschiedene Art und suchen mit dem Text und mit sich selbst ins reine zu kommen.

Drei Menschen, die Pastorin Ceteroni, der Pfarrer Albertz und die Lehrerin Urban, interpretieren Himmelfahrt auf zweifache Weise: zuerst durch eine knappe, sehr persönliche Exegese des Vorgangs und dann, auf einer zweiten Ebene, mit Hilfe eines Bildes – eines Gemäldes, das einen Berg zeigt oder einen Arbeiter, der den Kopf zur Erde gesenkt hat, oder einen Christus, der, mit seinen Nägeln und Schrauben und seinen zerrissenen Kleidern, himmelwärts fliegt.

Drei Menschen werden, während ihrer Meditation, photographiert: aus doppelter Optik, die Distanz und Vertrautheit sehr behutsam miteinander verbindet. Kamera eins und Kamera zwei dienen nicht der Befriedigung der Neugier, sondern der Verdeutlichung von Exegesen, deren Summe, in Kongruenz und Widersprüchlichkeit, den Betrachter am Bildschirm veranlaßt, das in Frage stehende Ereignis seinerseits zu interpretieren.

Drei Menschen, stereotyp photographiert, reagieren auf eine Botschaft: direkt, durch ihre Worte, indirekt durch die Demonstration eines Bildes. Im übrigen: nichts. (Nur ein wenig Musik zu den Gemälden. Und auch das, die Tafelmusik, ist schon zuviel. Die Illustration der Illustration wirkt kulinarisch.)

Hier zeigt ein Mann, Walter Joelsen, daß es sehr wohl möglich ist, mit sehr einfachen Mitteln – ohne allen technischen Zauber, aber im Vertrauen auf die Wirkung von Wiederholungen, Entsprechungen, Parallelen und Antithesen – ein Maximum von Überzeugungskraft zu erreichen. Da gewinnt Logik Anschaulichkeit. Da werden Fragen gestellt, Rätsel belassen, Widersprüche erhellt und Schwierigkeiten verdeutlicht: Warum starrt man, wenn er doch wiederkommen wird, dem Gekreuzigten nach? Wäre es nicht vernünftiger, sich endlich, in seinem Namen, an die Arbeit zu machen, statt in den Himmel zu blicken? Aber hat, da Gottes Himmel überall ist (also auch zum Beispiel im menschlichen Herzen), der Christ eine andere Wahl, als dem Auferstandenen mit seinen Blicken zu folgen?