„Der Paul Steegemann Verlag (1919–1935 und 1949–1960) – Geschichte, Programm, Bibliographie“, von Jochen Meyer. „Moment mal. Ich weiß, daß ich (mit einem halben Dutzend Kollegen) seit schier dreißig Jahren in jeder besseren Literaturgeschichte stehe – und die anderen Herren im Branchen-Adreßbuch“ – resümierte der Verleger Paul Steegemann 1950. Mit dieser Selbsteinschätzung hatte er nicht unrecht – wie die vorliegende erste Untersuchung über seine Arbeit belegt. Der 1919 in Hannover gegründete, 1927 nach Berlin übersiedelte Verlag war das Zentrum des literarischen wie künstlerischen Dadaismus. Sein Initiator Steegemann (1894 bis 1956), ein Autodidakt, stammte aus unintellektuellem Arbeiter- und Kleinbürgermilieu. Als sein wichtigstes Projekt muß die Buchreihe „Die Silbergäule“ (1919–1922) angesehen werden. Dort erschienen erstmals später berühmt gewordene dadaistische Texte von Kurt Schwitters („Anna Blume“), Hans Arp, Richard Huelsenbeck. Weitere Schwerpunkte bildeten Grotesken und parodistische Bücher, Erotika, spätexpressionistische Lyrik und zeitgeschichtliche Titel wie Ludwig Bäumers „Wesen des Kommunismus“. Angesichts eines solch links-avantgardistischen Programms mutet es grotesk an, daß Steegemann 1933 eine nationalsozialistische Buchreihe „Die Erhebung“ publizierte – mit Reden von Göring, Frick, Schacht und Hitler, der in einem dieser Texte gegen den „kubistisch-dadaistischen Primitivitätskult“ wettert. Doch hat auch dies Anbiedern Steegemann nicht vor der Schließung seines Verlags bewahren können. Seine verlegerischen Neuansätze nach 1945 blieben belanglos. Jochen Meyer berichtet interessante, kuriose Details. Eine aufschlußreiche Dokumentation, deren Wert durch die genaue Bibliographie aller Steegemann-Veröffentlichungen – auch der nur angekündigten, nie erschienenen – erhöht wird:Musterbeispiel einer gründlich erforschten, gut geschriebenen und bibliophil aufgemachten Verleger-Biographie. (Verlag Fritz Eggert, Stuttgart, 1975; 137 S., Abb., 65,– DM.)

Thomas B. Schumann