Starnberg

Grad gut schaut sie aus, in ihrem blauen Dirndl mit den blütenweißen Spitzen just an der Stelle, an der ein Bayer gemeinhin das „Holz vor der Hütt’n“ wünscht. Rosi Mittermaier (25), Deutschlands „Gold-Rosi“ von der Winklmoosalm, vertauscht jetzt den hautengen Skianzug mit der bayerischen Tracht. Denn seit Montag dieser Woche ist die erfolgreichste Sportlerin dieses Jahrzehnts unter die Unternehmerinnen gegangen. „Ich fahre keine Skirennen mehr“, verkündete Rosi in einem Nobelhotel am Starnberger See dem darob eigentlich kaum erstaunten Publikum. „Jetzt entwickele ich Sport- und Skibekleidung. Eine ganze Kollektion von Kopf bis Fuß, das wär’ mein Traum.“

Träume freilich sind in ihrem neuen Job, in dem sie sich eigentlich selbst verkauft, nicht gefragt. Da zählt nur klingende Münze, und die auch nur, wenn sie reichlich fällt. Der Zwang, sich zu vermarkten, solange sein Name noch in aller Gedächtnis ist, trieb nun das bescheidene Mädchen von der Winklmoosalm in die Arme des amerikanischen Werberiesen McCormick, der weltweit nahezu jeden erfolgreichen Spitzensportler unter Kontrakt hält. Rosi will jedoch die Grenzen des Selbstverkaufs ziehen und – wenigstens vorerst – nur mit „branchenfreundlichen Firmen“ zusammenarbeiten. Das sind Sportmoden, die sie zum Teil selbst entwerfen wird, das sind Sportbrillen, aber auch Skibindungen und Ski – allesamt aus fünf bayerischen Fabriken.

Der Run auf Rosi kam nicht unerwartet. Seit sie bei der Olympiade in Innsbruck zweimal Gold und einmal Silber gewonnen hatte und danach nahezu zwangsläufig zur dreifachen Weltmeisterin und Weltcupsiegerin avanciert war, buhlten zuerst 30 Werbeagenturen, schließlich sogar ein paar hundert Industriefirmen um das Recht, ihre Produkte mit einem Rosi-Konterfei an den Käufer zu bringen. „Es war eine Flut von Angeboten, wir hatten schon gar kein Familienleben mehr“, sagt die Athletin, die sich schließlich – dem Rat ihres Vorbilds Jean Claude Killy folgend – für die US-Agentur entschied. „Das Leben besteht nicht nur aus Skifahren, man muß irgendwann auch mal etwas Neues beginnen“, tröstet sie sich darüber hinweg, daß sie fortan mit dem Musterkoffer statt mit Ski um die Welt reisen wird.

Ist das der Selbstschutz, hinter dem erfolgreiche Sportler meist die Erkenntnis verbergen, daß auch sie älter und die Knie bei der Abfahrt weicher werden? Rosi Mittermaier, die im Siegesrausch ihre Natürlichkeit nicht einbüßte, gibt das ganz offen zu: „Ich will am Höhepunkt meiner Karriere abtreten. Ich bin seit zehn Jahren Skirennen. gefahren“, sagt sie und fügt ein wenig verbittert an: „Manche haben mich Großmutter der Skipiste genannt. Ich möchte nicht abwarten, bis ich Urgroßmutter genannt werde.“

Zum Glück entdeckte sie gerade jetzt bei sich jene Fähigkeiten, die normalerweise auch wirklichen Großmüttern nachgesagt werden. „Ich male, zeichne und entwerfe schon immer gern, jetzt wird unter meinem Namen eine ganze Kollektion auf den Markt kommen“, verspricht sie und findet auch gleich wie ein Profi den Bogen zur Vergangenheit: „Ich habe mich oft geärgert über die Skikleidung mit den zu engen Armen, in denen man sich nicht bewegen kann.“ Mit ihrem Ehrgeiz und der Weltklasse-Erfahrung will sie das nun ändern. „Damit bleibe ich weiterhin dem Sport verbunden. Wenn mich alle Welt vergessen hat, habe ich noch immer diese Freude.“

Vorher freilich wird die Freude banaler sein. Wenn sich Ian Todd, der Mann, der Rosi nicht nur für McCormick managt, sondern auch ihre Steuererklärung ausarbeitet und den Profit profitbringend anlegt, nicht ganz verkalkuliert hat, werden beim ersten Drei-Jahres-Vertrag für Rosi unterm Strich rund vier Millionen Mark bleiben. Rosi: „Ich bin zufrieden.“ Daß sie ihr Olympia-Gold gleich mit zwölf Millionen Dollar aufwiegen lasse, hält auch der smarte Londoner Anwalt Todd für ein „bösartiges Gerücht“. Immerhin versprüht er aber soviel Optimismus, daß er glaubt, der Name Rosi Mittermaier werde auch in 20 Jahren noch attraktiv sein.

Vielleicht. Denn nach dem ersten verdienten Werbepfennig muß Rosi ihren Amateurstatus aufgeben, obwohl sie noch kürzlich für die bundesdeutsche A-Mannschaft nominiert wurde. „Ja mei, da wird man schnell herausgestrichen“, sagt sie und versichert, dem deutschen Skiverband wenigstens bei Trainingskursen treuzubleiben. Auf die glatteste Piste will sich der Neuling indes nicht trauen: „Politisch werde ich mich auch im Wahljahr nicht engagieren. Dazu möchte ich mich nicht hergeben.“ – Rolf Henkel