Bern: „Auktionen bei Kornfeld und Klipstein“

Um Attraktionen ist das Berner Haus trotz viel beredeter Materialverknappung nicht verlegen. War es vor zwei Jahren eine Sequenz hinreißender Lorrain-Blätter, so ist es diesmal eine Rembrandt-Zeichnung, die Figur eines Mannes mit weitem Mantel und Pelzmütze. Benesch hat das Blatt „um 1652“ datiert, es steht thematisch im Zusammenhang mit der Radierung Ecce homo, vermutlich eine Vorstudie. Die Schätzung liegt bei 125 000 Franken. Weitere Glanzpunkte in der Alten Abteilung: drei zarte, mit schwarzer Kreide gezeichnete Landschaften des Jan van Goyen, bei der altdeutschen Druckgraphik die wundervolle „Madonna auf der Rasenbank“ von Schongauer und sein sehr seltenes Wappenschild, „von einem wilden Mann gehalten“, dazu ein Spitzenblatt der frühen italienischen Graphik, das Bacchanale von Mantegna (auf 80 000 Franken taxiert). Die Moderne Abteilung, die, nach Art des Hauses, auch das gesamte 19. Jahrhundert umfaßt, hat mit gut 1000 Katalognummern das quantitative Übergewicht. Hier wird, eine Sensation für Klee-Sammler, eine Kollektion von 40 Arbeiten angeboten, die meisten hat ein Schweizer Sammler direkt von Klee gekauft, seitdem waren sie nicht mehr zu sehen; es sind Bilder und Aquarelle aus der frühen Bauhauszeit darunter, zu entsprechend hohen Schätzungen (bis zu 350 000 Franken für den „Arktischen Tau“, gemalt 1920, im Grohmann-Katalog unter Nr. 136 registriert). Den gleichen Preis soll ein Bild von Max Ernst, „La Mariée du Vent“ bringen, das 1926 entstanden ist und von Paul Eluard erworben wurde. Klimt, Schiele, Kokoschka – die großen Drei aus Österreich – sind hervorragend vertreten, Kokoschka mit dem bei Wingler reproduzierten „Porträt Gino Schmidt“ vom März 1914 (225 000 Franken), Schiele mit Aquarellen und Zeichnungen aus den Jahren 1910 bis 1918. Der modernen Buchillustration, einem Spezialgebiet von Kornfeld und Klipstein, ist eine Sonderauktion vorbehalten, die mit 400 Titeln vornehmlich französischer Künstler glänzend bestückt ist. (Vom 9. bis 12. Juni, 4 Kataloge, 60,– DM) Gottfried Sello

Bochum: „Detlef Kappeler“

Jahrelang hat Kappeler sein politisches Engagement in die Themen der Zeitgeschichte investiert, an denen sich ganz allgemein der humane Protest artikulierte: Vietnam, Griechenland, Chile, Massenelend in Indien, Rassismus, Militarismus. Die Ausstellung im Museum Bochum, wo rund 130 Arbeiten versammelt sind, zeigt darüber hinaus, daß es ihm trotz eindeutiger Stellungnahme nicht um das Herstellen von Agitationsbildern geht, sondern um den Versuch, die dem politischen Inhalt angemessene künstlerische Form zu finden. Die Widersprüche einer konkreten Situation werden in eine Malerei transformiert, die den Widerspruch als Stilmittel einsetzt. Die Bildeinheit wird auseinandergebrochen, das Geschehen verlagert sich auf verschiedene Ebenen, naturalistische Details werden durch imaginäre Gebilde in Frage gestellt. Was als photorealistisches Porträt beginnt, geht in Unscharfe über, das Gesicht wird zur Grimasse verzerrt. Das Bild offeriert kein fertiges Resultat, es resümiert einen komplizierten, einen widersprüchlichen Bewußtseinsprozeß. Das gilt auch für Kappelers neueste und interessanteste Arbeit, das „Projekt Nordholz“, das einen radikalen Themenwechsel signalisiert: statt der großen weltpolitischen Bühne ein niedersächsisches Dorf. Zwei Jahre lebte Kappeler auf dem Land bei einer Kleinbauernfamilie, er hat seine Erfahrungen in diesem ihm unvertrauten Milieu künstlerisch aufgearbeitet in Zeichnungen, Radierungen und einem monumentalen Diptychon. Das Ergebnis ist keine dörfliche Idylle, sondern eine offene Reihe von widersprüchlichen Situationen, von privaten und gesellschaftlichen Problemen, die ohne Beschönigung und ohne Protest dargelegt werden, eine einleuchtende Methode realistischer Zustandsbeschreibung. (Museum Bochum bis zum 15. Juni, Katalog 5 Mark)

Gottfried Sello

Köln: „Dorothee von Windheim“

Piero di Cosimo, Max Ernst, Dubuffet, Tápies – sie alle folgten Leonardos Rat, sich in Mauern hineinzusehen, um die Landschaften und Gesichter, die aus den Flecken und Rissen auftauchen, dann „auf eine vollkommene und gute Form zurückzubringen“. Dabei kamen die Bilder, von Generation zu Generation, dem ursprünglichen Assoziationsfeld Mauer immer näher. Charakteristisch für die Kunst unserer Jahre ist, daß man Realität nicht mehr in Bilder übertragen, sondern ihrer unmittelbar habhaft werden will – direkte Herausnahme statt Annäherung, statt Übersetzung in ein anderes Medium die Verfremdung durch eine andere Umgebung. Es ist also ganz konsequent in dieser Entwicklung, wenn Dorothee von Windheim die Maueroberfläche nicht mehr abmalt, sondern abnimmt. Genau in der Restauratorentechnik, mit der Fresken auf klebende Gewebeschicht abgeschält und ins Museum getragen werden, löst sie den Putzmantel von Fassaden, Arkadenpfeilern, Fensterbögen und bringt ihn in Innenräumen wieder an, gebrauchtes Wandstück auf neutraler Wand, verwittertes, beschriebenes, zerkratztes Fragment von Malschicht auf frischem Anstrich. Betont wird immer die architektonische Form, ebenso streng und statisch die Photoserien, die den Vorgang der Entkleidung dokumentieren. Nicht so konsequent ist die Materialauswahl. Das Abbruchreife hat zwar, attestiert die Ausfuhrbehörde, keinen Kunstwert, wohl aber eine „Poesie“, die durch die toskanische Farbtönung und die klassischen Proportionen selbst noch der Simse von Kellerfenstern leicht in die Nähe eines nostalgischen Ästhetizismus geraten kann. Die junge Künstlerin wird nun, nach fünfjährigem Italienaufenthalt, wieder auf die bundesrepublikanische Unästhetik stoßen. Die Auseinandersetzung mit den Fassaden, die uns umstellen, das wäre der nächste, auch aus der Fresko-Aura herausführende Schritt (Galerie Reckermann bis 15. Juni).