Undurchsichtiger noch als in China sind die neuen Machtkämpfe in der Führung seines Satelliten Albanien. Eine Fraktion tendiert angeblich nach Moskau.

Einige Wochen nach dem Sturz des chinesischen Spitzenpolitikers TengHsiaoping wurde auch in Tirana eine Parteigruppe gesäubert, der vorgeworfen wird, sie habe vor der Sowjetunion kapitulieren wollen. Seit Parteichef Enver Hodscha vor einem Monat zwei Minister wegen Verstoßes gegen die Parteilinie und fehlerhafter Amtsführung geschaßt hat, wollen die Gerüchte über Machtkämpfe und Richtungswechsel im Lande der Skipetaren erst recht nicht verstummen. Zweifellos werden sie sowohl von den benachbarten Jugoslawen als auch von moskautreuen Ostblockregimes ausgestreut, gelegentlich auch vom Sohn des einstigen König Zoglus.

Parteichef Hodscha, der die albanischen Kommunisten seit 1941 führt, hat die Mitte der sechzig überschritten und soll schwerkrank sein; das gleiche wird seinem 63jährigen Stellvertreter, dem Regierungschef und Verteidigungsminister Mehmet Schehu, nachgesagt. Ihr Land soll in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen sein, da die Chinesen, bisher die einzigen Kreditgeber des armen Zwergstaates, ihr Interesse an dem europäischen Vorposten verloren haben.

Hodscha beeilte sich, alle Gerüchte zu widerlegen. Auf einem Empfang für chinesische Arbeiter, die bei Elbasan ein Stahlwerk bauen, wetterte er gegen „interne Feinde und Verräter“, die das Band zu China zerreißen wollten. Amerikanische Diplomaten vermuten, daß nationalkommunistische Albaner der jahrzehntelangen Isolierung des Landes müde sind und deshalb die wirtschaftliche Öffnung zum Westen oder auch zur Sowjetunion anstreben.

Albanien hatte sich 1961, als das Schisma Moskau–Peking offenbar wurde, von der Sowjetunion losgesagt und war 1968, nach dem Überfall auf die ČSSR, auch aus dem Warschauer Pakt ausgetreten. Bislang hat es auch nicht auf die überraschende Freundschaftsgeste der Sowjetunion geantwortet, die dem albanischen „Brudervolk“ im Januar die Versöhnung anbot – ohne auf eine Anerkennung des Prinzips des proletarischen Internationalismus zu bestehen.

Differenzen zu China bestehen zumindest in der Außenpolitik, seit Peking 1972 mit Amerika und anderen westlichen Staaten Beziehungen aufgenommen hat. Für Hodscha sind nach wie vor Amerika und Rußland gleichermaßen gefährlich und verabscheuungswürdig. K.-H.J.