Von Hayo Matthiesen

Der erste Schub kommt im nächsten Jahr; und dann geht es Schlag auf Schlag. 1977 verlassen 77 000 Schüler mehr als 1976 die Schulen; ein Jahr später sind es wiederum 78 000 mehr als 1977 – und so geht es weiter. Das ist der „Schülerberg“, der durch die Schulen wandert.

Die Folge dieser demographischen Welle ist ein erheblicher Mangel an erforderlichen Ausbildungsplätzen in den Betrieben, im öffentlichen Dienst und in den Hochschulen. Nach den neuesten Zahlen wird das Defizit auf 1,2 Millionen Stellen bis 1987 anwachsen. In diesem Jahr gibt es bereits etwa 35 000 Plätze zu wenig; Anfang der achtziger Jahre werden es jährlich fast 200 000 sein. Das ist die Ausbildungskatastrophe, die diese Gesellschaft bedroht.

Damit werden die Arbeits- und Ausbildungsfragen von über einer Million Jugendlichen zu einer zentralen Aufgabe für alle, die in Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen. „Die Bildungs- und Lebenschancen einer ganzen Generation stehen auf dem Spiel“, so charakterisiert der Bonner Bildungsminister Helmut Rohde den Ernst der Lage. „Ohne Übertreibung halte ich dies für eine der größten Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts.“

Was ist zu tun? Dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gebührt das Verdienst, das Problem frühzeitig erkannt und auch rasch gehandelt zu haben. Dieser Verein ist eine Gemeinschaftsaktion der Wirtschaft; 5500 Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen spenden und sammeln Geld, um Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre zu fördern. 1975 konnte der Stifterverband knapp 41 Millionen Mark ausgeben, auch und besonders für bildungspolitische Aktivitäten.

Seit Monaten hat sich auf Anregung des Verbandes ein Arbeitskreis mit dem drohenden Ausbildungsnotstand beschäftigt; jetzt haben diese Spezialisten aus Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Verwaltung die Ergebnisse ihrer Arbeit als Denkschrift vorgelegt. Das Fazit der Überlegungen: Eine Katastrophe kann verhindert werden; dazu bedarf es freilich – wie es der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Hanns Martin Schleyer formuliert hat – „des verantwortlichen Zusammenwirkens aller Beteiligten“.

Das scheint tatsächlich das Wichtigste zu sein: daß alle Betroffenen – Bund, Länder und Gemeinden, Industrie, Handwerk und Handel, Schulen und Hochschulen – es als eine gemeinsame Aufgabe ansehen, der gefährdeten Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen zu helfen. Die Jungen und Mädchen, um die es geht, werden viele Jahre lang den Hauptbestandteil der Arbeitskräfte, in diesem Land stellen. Deshalb ist es auch arbeitsmarktpolitisch notwendig, sie qualifiziert auszubilden. Die geburtenstarken Jahrgänge bedeuten mithin auch „die Chance einer volkswirtschaftlichen Kapitalbildung“, so heißt es in dem Papier des Stifterverbands, „deren potentieller Ertrag nicht hoch genug veranschlagt werden kann“.