Rom will zahlungsunwilligen Versicherern die Lizenz entziehen

Daß der schuldige Unfallgegner versichert ist, kann einem manchmal soviel nützen, als wenn man im Wilden Westen beim Indianerüberfall ein Empfehlungsschreiben des US-Präsidenten vorgezeigt hätte.“ So faßt ein ADAC-Jurist und Italien-Experte seine Erfahrungen mit italienischen Versicherungsgesellschaften in der Clubzeitschrift „Motorwelt“ zusammen.

Vor der Münchner Presse klagte der Genueser Vertrauensanwalt des ADAC Vittorio Maggiani das Leid seiner Klienten: Seit zwei Jahren seien die italienischen Versicherer in großem Umfang systematisch zu einer Verschleppungstaktik bei der Schadenanerkennung und -abwicklung übergegangen. Häufig würden sogar Gerichtstermine und selbst rechtskräftig ergangene Urteile ignoriert, so daß erst die Zwangsvollstreckung dem Geschädigten zu seinem Recht verhelfe. Das könne bei der Langsamkeit italienischer Gerichte auch ein halbes Dutzend Jahre dauern.

Noch während das um Italiens guten Ruf als Urlaubsland besorgte staatliche Fremdenverkehrsamt ENIT diese Vorwürfe des ADAC eiligst zurückwies, hielt der italienische Schwesterverein des ADAC in Rom den beschuldigten Unternehmen eine Standpauke: Die illegalen Praktiken einiger Versicherer, so wetterte der Präsident des Automobile Club Italiano (ACI), Renato Galamini, schädige nicht nur in- und ausländische Autofahrer, sondern auch das Ansehen Italiens im Ausland. Der Präsident nannte auch Namen: Bei den Gesellschaften Lloyd Centauro in Neapel, Lloyd Mediterranio in Palermo und Edera in Rom sei der Entzug der Lizenz zum Betrieb des Autohaftpflichtgeschäfts überfällig. Freilich habe der deutsche Schwesterverband die italienische Versicherungsbranche doch allzu summarisch angegriffen; denn neben den wenigen Übeltätern verhalte sich doch die Mehrzahl der Gesellschaften korrekt. Italiens Versicherungsverband ließ denn auch sofort wissen: Eine Säuberung der Branche von unlauteren Elementen sei nur zu begrüßen.

Daß der Kreis der Gesellschaften mit unsauberem Geschäftsgebaren gar nicht so klein ist, ergab eine Untersuchung des römischen Industrieministeriums, das als Aufsichtsbehörde fungiert: Bei 47 von 119 Versicherungsgesellschaften wurden im Kfz-Haftpflichtgeschäft Unkorrektheiten entdeckt. Mehr als ein halbes Dutzend Versicherungsgesellschaften mit zusammen 18 bis 20 Prozent Marktanteil im Autohaftpflichtgeschäft haben sich sehr schwere Verfehlungen zuschulden kommen lassen, die zum Teil auch den Strafrichter interessieren. Da wurde unter anderem die Anerkennung und Regulierung von Schäden verschleppt. Bei 16 bis 18 Prozent Zinsen lohnt es sich nämlich, die Zahlung um ein paar Jahre zu verzögern, zumal die italienischen Gesellschaften nach einem Gesetz von 1942 bei verspäteter Zahlung nur fünf Prozent Verzugszinsen drauflegen, müssen. Es geht um Zahlungsrückstände von 600 bis 700 Milliarden Lire (1,8 bis 2,1 Milliarden Mark). Gleichzeitig entdeckten die Sonderprüfer aber auch, daß Schadensreserven für noch nicht abgewickelte Fälle zu niedrig angesetzt wurden, um Verluste in der Bilanz zu vermeiden.

Einigen Gesellschaften, hinter denen Aktionärsgruppen von Emporkömmlingen und Spekulanten stehen, scheinen sich darauf spezialisiert zu haben, die Prämien zu kassieren und damit völlig branchenfremde Geschäfte zu betreiben. Um Löcher in der Bilanz zu stopfen, wurden über Scheinfirmen zu überhöhten Preisen Immobilien angekauft. Das in der Versicherungsbilanz viel zu hoch bewertete Grundstück wurde dann der Versicherungsaufsicht als „Sicherheit“ vorgewiesen. Mit derartigen illegalen Machenschaften sind nach Schätzungen aus, der Branche 250 Milliarden Lire (750 Millionen Mark) an flüssigen Mitteln abgezogen worden.

Die Autohaftpflichtversicherung ist in Italien schon lange kein Geschäft mehr. Aber die staatliche Aufsichtsbehörde, so kritisieren jetzt Versicherungsopfer und öffentliche Meinung, hätte die Mißstände im Versicherungsgeschäft bei sorgfältiger und regelmäßiger Prüfung längst entdecken müssen. So aber habe man erst nach wiederholten Beschwerden eine Sonderprüfung veranlaßt.