Von Rolf Zundel

Riad, im Juni

Die Türken brachten dem Kanzler die anstrengendste Gastfreundschaft entgegen; sie blieb fast bis zum Ende bemüht. Die Saudis behandelten den Staatsgast aus Deutschland mit sorgfältiger, aber gelassener Höflichkeit; und es war von Anfang an überwältigend.

So großartig durfte Helmut Schmidt noch nie Hof halten wie im Gästepalast zu Riad. In den weitläufigen Suiten fühlten sich die an die bescheidene, karge Sachlichkeit des Kanzlerbungalows gewohnten Gäste fast verloren. Die zwei Empfangssäle hatten die Größe eines kleineren Fußballfeldes, sie waren mit riesigen Teppichen ausgelegt und gewaltigen, zentnerschweren Kristalleuchtern bestückt: Auftritt im großen Staatstheater, nicht auf der Bonner Zimmerbühne!

Alle Räume des Palastes sind durch ein Kühlsystem, das an Größe nur noch den Apparaturen im Pentagon nachsteht, auf angenehme Temperatur gebracht. Technik und morgenländische Pracht, Tradition und Moderne sind vereint. Man braucht wohl das pralle Selbstbewußtsein Helmut Schmidts, um sich hier nicht unbehaglich zu fühlen. In der Türkei hatte er penibel, nicht ohne Engagement seine Pflicht erfüllt, in Riad genoß er die Visite.

Türkei und Saudi-Arabien – dem Namen nach sind beide Entwicklungsländer, aber dann hört die Ähnlichkeit auch schon auf. In Ankara waren die Autos, mit denen die deutsche Delegation in die Stadt transportiert wurde, von der verschiedensten Bauart und selten neu; in Riad wurde der Kanzler im schwarzglänzenden Mercedes 600 am Flughafen abgeholt, und am Fenster des Cadillac „Fleetwood“, mit dem er vor dem Palast des Kronprinzen vorfuhr, klebte noch der Lieferschein aus Detroit. Während die Türkei Hauptempfängerland deutscher Kapitalhilfe ist (drei Milliarden seit 1958), rückt das Ölreiche Saudi-Arabien inzwischen schon unter die großen Geberländer auf und hat überdies für den nächsten Fünfjahresplan 140 Milliarden Dollar (eine Summe, die etwa zwei Bundeshaushalten entspricht) für Investitionen frei.

Die Türkei schickt Gastarbeiter nach Deutschland (eine Million Türken einschließlich der Familienangehörigen leben in der Bundesrepublik), die saudiarabische Bevölkerung von etwa sechs Millionen besteht zu gut einem Drittel aus Gastarbeitern, die das Land sofort wieder verlassen müssen, wenn sie ihren Kontrakt erfüllt haben. Die Bundesrepublik ist der größte Handelspartner der Türkei mit einem beträchtlichen Handelsbilanzüberschuß, der Handel mit Saudi-Arabien ist zwar gewaltig gewachsen, gemessen an den Amerikanern aber, so ein Mitglied der deutschen Delegation, sind die Deutschen „kleine Piefkes“, die selbstverständlich eine negative Handelsbilanz aufweisen. Das Problem der Türken besteht darin, daß sie zu wenig Geld haben; die Saudis stehen vor der Schwierigkeit, ihren Überfluß vernünftig zu verwenden. Entsprechend unterschiedlich sind auch die bilateralen Probleme zwischen Bonn und den beiden Ländern.