Die Schreckwirkung der Kritikwelle, die gegenwärtig von Skandinavien über die Benelux-Länder und Frankreich bis an die Zehenspitze des italienischen Stiefels reicht, hat Bonn tiefer getroffen, als die recht erschrockenen Reaktionen zeigen. An der Aktivität des französischen Sozialisten Mitterrand, der erst vor kurzem mit Willy Brandt in Bonn eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden sozialistisch-sozialdemokratischen Parteien vereinbart hatte, ist vor allem deutlich geworden, wie wenige Freunde die von kränkender Stabilität befallene Bundesrepublik hat. Beobachter in Bonn sorgen sich weniger über die Gründung des Mitterrand-Komitees gegen den Radikalenerlaß als darüber, daß kein einziger der befreundeten Politiker im Ausland es für nötig hielt, den bedrängten Westdeutschen beiseite zustehen.

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Helmut Kohl beginnt am Mittwoch, dem 2. Juni, eine Reise durch drei sozialistische Staaten: Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien – auf Einladung dieser Länder. Er trifft Tito, Schiwkoff und Ceausescu. Selbst die Union betrachtet also sozialistische Honneurs als nicht ganz unentbehrlich. Kohls Reise stieß die verletzlichen Polen vor den Kopf: Der CDU-Vorsitzende hat seit Jahren vom Polnischen Institut für auswärtige Angelegenheiten eine Einladung zum Besuch Polens Bisher hat er keine Zeit gefunden, ihr zu folgen.

Als die Programm-Gestaltung des Gierek-Besuches in der kommenden Woche Kanzleramt, Presseamt und Auswärtige! Amt beschäftigte, zeigte sich Kohl beleidigt, daß eine Visite Giereks in Mainz nicht vorgesehen war. Dabei hatten sowohl Polen als auch Außenminister Genscher Wert darauf gelegt, daß es zu eines Begegnung des polnischen KP-Chefs mit Kohl käme. Nach langen Überlegungen ob Gierek die polnische Verständigungsbereitschaft mit allen politischen Gruppierungen durch einen Besuch in Hannover oder in Saarbrücken und durch ein Treffen mit Kohl zeigen sollte, wurde ein Kompromiß ausgetüftelt: Gierek soll zwar ein CDU-Land betreten, aber keine CDU-Hauptstadt. Kohl und der polnische Gast befahren für die Dauer eines Mittagessens (zwei Stunden) den Rhein und beginnen die Fahrt auf rheinlandpfälzischem Territorium.

Mittlerweile ist sich die polnische Seite allerdings nicht mehr sicher, ob sie Kohl: Reise nach Belgrad, Sofia und Bukarest als einen Affront auffassen soll oder nur als Elefantentritt ins Fettnäpfchen.

Eduard Neumaier