Einem Bauern will man sein letztes Pferd wegnehmen; rasend vor Schmerz sticht er das Tier ab, dann hängt er sich auf. Vor dem Selbstmord verabschiedet er sich aus dem Stück und von der Welt wie eine Figur aus Shakespeares Tragödien: "Halt aus, Strick, Kumpel ... / Du bist der Dietrich, der das letzte. Loch / Aufschließt für sieben Groschen, die Himmelsleiter. / Ein Sprung ins Schwarze, und ich kann der Welt / Die Zunge zeigen, wenn der Haken hält."

Andere Szene. Zwei Frauen nehmen Wäsche von der Leine. Hinter der Bühne eine Detonation. Man schleppt einen Traktoristen herein, der über eine Mine gefahren und furchtbar verwundet ist. Die eine Frau zerreißt ein Laken, um den Verletzten zu verbinden. Die andere Frau schreit hysterisch: "Mein Laken!"

Daß der Mensch dem Menschen kein Freund ist, hat Heiner Müller immer wieder beschrieben: in seinem Griechen-Stück "Philoktet", in seiner Shakespeare-Paraphrase "Macbeth", in seinen Szenen aus Nazi-Deutschland, "Die Schlacht". Daß ein mörderischer Egoismus aber auch in dem Staat weiterlebt, der nach eigenem Bekunden die Barbarei überwunden und die Freundlichkeit aller gegen alle eingeführt hat, in der so viel mehr deutschen als demokratischen Republik: auch das hat Müller seinen DDR-Mitbürgern immer wieder vorgehalten, mit leiser, störrischer Geduld. Seine DDR-Stücke ("Der Bau", "Der Lohndrücker", "Traktor" und "Die Bauern", das jetzt in der Ostberliner Volksbühne uraufgeführt wurde) handeln alle von Arbeit und Mühsal – von der Mühsal, die Lebensbedingungen der Menschen zu verändern, mehr aber noch von der wichtigeren und härteren Arbeit: in den Köpfen der Menschen etwas zu verändern. Dieser Autor und diese Stücke sehen fremd und verwunderlich aus im Staate DDR; weil sie sich dem staatlich verordneten, pauschalen Optimismus verweigern; weil sie daran zweifeln, ob das Chaos der Welt und der Gefühle einfach aufzuräumen, von Funktionären wegzuorganisieren ist.

Müllers Stücke stehen aber auch fremd und einzelgängerisch in der DDR-Dramatik da – sie sind die einzigen, die diesen Staat so ernst nehmen, daß sie ernsthaft unter ihm leiden; die einzigen auch, die ihre Kritik nicht gleich wieder mit Keßheiten und Ironien verniedlichen, die nicht (wie Plenzdorf) auf den Boulevard und auch nicht (wie Peter Hacks) in ein nachgemachtes Weimar entweichen. Müllers Stücke machen keine Kabarett-Scherze über die DDR und keine Untertanenwitze, und sie verstecken sich auch nicht in Parabeln und geistreichen Anspielungen: Was Müller der DDR sagt, kann er nicht damit dementieren, er habe alles ganz anders, viel freundlicher, gemeint. Müllers Texte sind schutzlos, das macht sie stark.

Ob die Menschen einander in alle Ewigkeit abschlachten oder ob sie einander einmal helfen werden, ob der Anti-Klassiker Shakespeare oder der Klassiker Brecht das realistischere Theater geschrieben hat: Müllers Stücke schaffen ihre Zweifel darüber nicht aus der Welt. Wenn der Begriff Sozialistischer Realismus noch einen Sinn hätte, dann müßte man Heiner Müller einen sozialistischen Realisten nennen, nicht die, gegen deren marmorne Kunstgebote er dauernd verstößt.

Der Formeneinfalt und der ideologischen Idyllik des sogenannten Sozialistischen Realismus setzt Müller eine strapaziöse Formenvielfalt entgegen: eine Sprache, die keinen Stil hat, sondern viele, Prosa neben Versen, karge Lakonik neben kühner, abgründiger (manchmal auch überanstrengter) Metaphorik. Sozialismus kann sich auch auf Vielfalt reimen und nicht nur auf Einheit und Einfalt; und Widersprüche tun weh, will man sie nicht einfach wie Vater Brecht mit dialektischen Tricks aus der Welt zaubern.

Das Stück "Die Bauern" (nachzulesen im Rotbuch 134) hat eine lange, etwas dunkle Vorgeschichte. In den Jahren 1956 bis 1961 schrieb Müller die Komödie "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande". Eine Studentenbühne riskierte die Uraufführung, dann verschwand das Stück wieder (oder wurde zum Verschwinden gebracht). 1964 stellte Müller eine Neufassung fertig, Titel: "Die Bauern". Erst 1976, zwölf Jahre später, kommt diese Fassung aufs Theater. Wenn man das Stück jetzt an der Volksbühne, in der betulichen, die Zerrissenheiten und Gewalttätigkeiten der Sprache eher verbergenden Uraufführungs-Inszenierung von Fritz Marquardt sieht, begreift man die seltsame Vorgeschichte, ahnt, wie viele Ängste und bürokratische Behinderungen zu überwinden waren, bevor dieses Stück auf einer DDR-Bühne möglich wurde.