Von Elmar Pieroth

Der Verfasser baute in den 60er Jahren ein kleines Gut zum größten deutschen Weinunternehmen aus, dessen Mitarbeiter am Gewinn und Kapital beteiligt sind. Seit 1969 ist Pieroth Abgeordneter der CDU im Bundestag.

Unsere Gesellschaftsstruktur erlebt einen tiefgreifenden Wandel: In den letzten 25 Jahren hat sich der Anteil der Selbständigen an der Zahl der Beschäftigten halbiert. Innerhalb des letzten Jahrhunderts hat er sogar um mehr als drei Viertel abgenommen (siehe Tabelle). Diese Flucht aus der Selbständigkeit hat gesellschaftspolitische Konsequenzen.

Hauptfolge dieser Entwicklung: Die Zahl der Unternehmer ist bei uns zu klein – jedenfalls zu klein, gemessen an den Notwendigkeiten eines im ökonomischen Bereich marktwirtschaftlich organisierten Sozialstaates. Die Notwendigkeit für mehr Selbständige und Unternehmer ergibt sich aus unserem Wirtschaftssystem. Es bezieht seine Stärke aus einem einfachen Prinzip: Wer Entscheidungen trifft, muß für deren Folgen einstehen, letztlich sogar meist mit seinem Eigentum; er riskiert, bei negativen Folgen seiner Entscheidung, einen Teil dieses Eigentums zu verlieren. Freilich wirkt bei positiven Folgen auch eine Prämie auf seine Risikobereitschaft durch den Gewinn. Die Person, die sowohl Träger der Entscheidungsbefugnis als auch der Entscheidungsfolgen ist, das ist der typische Unternehmer und Selbständige.

So richtig es ist, daß dieses Prinzip in vielen Fällen eingeschränkt sein mag – nicht alle, die entscheiden, tragen die Folgen selber, und manche machen Gewinn, ohne großes Risiko übernommen zu haben –, so gewiß ist auch: Mit der Aufrechterhaltung dieses Grundsatzes in unserer Wirklichkeit steht und fällt unsere Wirtschaftsordnung. Mit ihr steht und fällt die ausreichende Motivation, persönlichem Erfolgsstreben in der Wirtschaft nachzugehen, woraus die Gesellschaft insgesamt Nutzen zieht.

Natürlich gehört auch ein funktionierender Wettbewerb zu diesem System. Aber alle Wettbewerbsgesetzgebung läuft leer, wenn es immer weniger Menschen gibt, die bereit sind, in Konkurrenz mit anderen die unternehmerischen Funktionen auszuüben. Eine Marktwirtschaft ohne genügend Unternehmer und Wettbewerb muß zwangsläufig zur Verwaltungswirtschaft, zur bürokratisch gesteuerten Ordnung degenerieren.

Steuern wir unaufhaltsam auf diese Verwaltungswirtschaft mit einigen Großkonzernen zu, wie es der fallende Trend des Selbständigenanteils in unserer Wirtschaft aufzeigt? Wenn die Entwicklung so weitergeht und wir jedes Jahr weitere 30 000 selbständige Existenzen verlieren, werden wir im Jahre 2000 nur noch 1,5 Millionen Selbständige haben. Wer Spaß an mathematischen Spielen hat, kann die Reihe fortrechnen bis zu dem Tag im Jahre 2049, an dem die letzten Selbständigen unseren verwalteten Enkeln von vergangenen Zeiten erzählen. Diese Trendrechnung deckt sich übrigens fast genau mit einer anderen: Professor Engels hat vorgerechnet, daß bis zum Jahre 2046 jeder Erwerbstätige im öffentlichen Dienst beschäftigt sein wird, wenn dessen Aufblähung so weitergeht wie bisher. Auch wenn es sicherlich nicht so weit kommt: Die Flucht aus der Selbständigkeit bleibt ein Problem.