Von Michael Jungblut

Die Konferenz von Nairobi hat gute Aussichten, als einer der großen Wendepunkte in die Geschichte einzugehen – allerdings in ganz anderem Sinne, als ihre Initiatoren sich das vorgestellt haben.

Die Dritte Welt ist ihrem Ziel, den Industrieländern eine „neue Weltwirtschaftsordnung“ aufzuzwingen, ein gutes Stück näher gekommen (siehe auch Seite 17). Vieles spricht im Augenblick dafür, daß die Entwicklungsländer innerhalb der nächsten zwölf Monate zumindest einen Teil ihrer Rohstoffpläne durchsetzen können: Mindestpreise, Ausgleichslager, gemeinsamer Finanzierungsfonds. Die untereinander zerstrittenen und konzeptionslosen Industrieländer (des Westens, denn der Osten hat es bisher verstanden, sich allen Verpflichtungen zu entziehen) haben offenbar nicht mehr die Kraft oder den Willen, sich den Scharfmachern der Dritten Welt entgegenzustellen. Noch weniger sind sie bis heute in der Lage, den Entwicklungsländern einen besseren Pfad dorthin zu weisen, wo schließlich alle hin wollen: zu einem menschenwürdigen Dasein der Massen auf der südlichen Halbkugel.

Wenn es die Entwicklungsländer bei den in den nächsten Monaten und Jahren auf Nairobi folgenden Konferenzen durchsetzen, daß für eine größere Zahl wichtiger Rohstoffe – vom Kupfer über Bauxit bis hin zu Sisai und Bananen – Ausgleichslager, Finanzierungsfonds und Mindestpreise (gekoppelt an den Preisindex für industrielle Güter) geschaffen werden, muß dies eine unabsehbare Kettenreaktion auslösen:

  • Die erste Folge künstlich erhöhter Preise wäre ein Rückgang des Verbrauchs (wie beim Rohöl) bei gleichzeitiger Ausdehnung der Produktion von Rohstoffen, die niemand haben will. Das bedeutet eine Fehlleitung von – in den Entwicklungsländern ohnehin viel zu knappem – Kapital und zwingt dazu, riesige Lager aufzubauen. Wenn die Überschußproduktion durch die Fonds nicht aufgekauft würde, müßte das Mindestpreissystem in kürzester Zeit zusammenbrechen. Sofern es sich um verderbliche Produkte (wie Bananen) handelt, müssen die Lagerbestände überdies nach kurzer Zeit vernichtet werden.
  • Höhere Rohstoffpreise treiben die Kosten industrieller Produkte nach oben. Höhere Industriepreise führen über die Indexbildung dann wieder automatisch zu einem Anstieg der Rohstoffpreise und dies wieder zu höheren Kosten in der Industrie... Eine weltweite Preisspirale nach dem Muster der bisher nur national wirkenden Lohn-Preis-Spirale wird sich nach kurzer Zeit in Bewegung setzen,
  • Garantierte Mindestpreise für Rohstoffe sind nichts anderes als eine Steuer auf den Wohlstand der Industrienationen. Über deren Berechtigung ließe sich reden. Ihr Sinn ist es, einen Teil des Realeinkommens unserer Bevölkerung zwangsweise an die Dritte Welt abzuführen. Die enorme Erhöhung der Ölpreise hat bereits diese Wirkung. Aber werden die Gewerkschaften in den Industrieländern das Spiel mitmachen? Oder werden sie den – aussichtslosen – Versuch unternehmen, den sinkenden Lebensstandard der Arbeitnehmer in den Industrieländern durch höhere Lohnforderungen wettzumachen? Dann würde nicht nur die nationale Lohn-Preis-Spirale, sondern (über die Indexbindung) auch die internationale Industrie-Rohstoffpreis-Spirale in noch schnellere Drehungen versetzt. Bestraft würden, dadurch vor allem jene Länder, die sich um Preisstabilität bemühen.
  • Noch härter als die rohstoffarmen Industrieländer wird die große Zahl der Entwicklungsländer getroffen, die nur in geringem Umfang über natürliche Reichtümer verfügen und die ohnehin schon schwer unter der Ölpreiserhöhung leiden. Die Bereitschaft und Fähigkeit des Westens, ihnen zu helfen, würde angesichts der eigenen wirtschaftlichen Nöte wohl kaum zunehmen, Von den rohstoffreichen Entwicklungsländern haben die Ärmsten der Armen, die in Nairobi die Forderung nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung so tapfer unterstützt haben, nicht viel zu erwarten, wie die Erfahrung lehrt.
  • Nutznießer des geforderten weltweiten Dirigismus wären in erster Linie die an Bodenschätzen reichen Industrieländer, von denen die Bundesrepublik 60 Prozent ihrer Rohstoffe bezieht – wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und die Sowjetunion.

Trotz dieser – und anderer – Schattenseiten ihres „integrierten Rohstoffprogramms“ haben sich die Entwicklungsländer so in ihr Konzept verbissen, daß zur Zeit kaum eine Chance besteht, sie wieder davon abzubringen. Wenn die Pläne von Nairobi Wirklichkeit werden sollen, würde das Wohlstandsgefälle allenfalls dadurch nivelliert werden, daß sie die Welt in eine permanente Wirtschaftskrise stürzen.