Warschau, im Juni

Im Foyer des Warschauer Hotel-Forums schwirrt es von deutschen Lauten. Die Tische im „Krokodil“ am Alten Markt sind fast zur Hälfte von Deutschen vorbestellt. Deutsche Politiker und Wirtschaftler, Akademiker und Journalisten treten sich in Warschau auf die Füße. Eine deutsch-polnische Woche in Göttingen, nicht die erste ihrer Art, hatte Zulauf wie nie zuvor. Als Westdeutscher in Polen identifiziert zu werden, kann zu begeisterten Wodka-Toasts führen. Ein junger Arbeiter, des Deutschen nur mühsam mächtig, klatscht froh in die Hände, als er die Zahl westdeutscher Polen-Touristen im letzten Jahr vernimmt: ungefähr 300 000.

Seit dem 12. März, dem Tag, an dem im Bundesrat einstimmig die Vereinbarungen Bonns mit Warschau ratifiziert wurden, ist eine Barriere weggeräumt. Ryszard Wojna, Publizist und Mitglied des Zentralkomitees, hat im Blick auf die Begegnung zwischen Parteichef Edward Gierek und Bundeskanzler Helmut Schmidt einen gewaltigen historischen Vergleich bemüht. Das Treffen vom 8. bis zum 12. Juni, so meinte er, sei in der Geschichte Polens und Deutschlands das wichtigste Ereignis seit dem Besuch Ottos des III. bei Boleslaw I., dem Tapferen (auch Frommen). Freilich: Jene Begegnung im März des Jahres 1000 im Dom von Gnesen galt der Einbeziehung Polens ins Imperium Romanum, und der Ort der Begegnung war das Grab des heiligen Adalbert.

Der historische Vergleich wurde schon im Dezember 1950 auf dem Warschauer Hauptbahnhof vom damaligen Staatspräsidenten Bierut gegenüber dem DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck gezogen. Aber dies beeinträchtigt den Eindruck nur unwesentlich, daß Polen mehr als nur einen politischen Ausgleich mit der Bundesrepublik sucht. Der Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen zu Bonn wird auch von Ryszard Frelek nachhaltig geäußert, dem Sekretär im ZK und nach Meinung von Beobachtern einflußreicher außenpolitischer Berater Giereks.

Frelek, ein 47 Jahre alter Historiker mit messerscharfem Verstand, sagt, als er über den Besuch spricht: „Gierek und Schmidt wollen einen Schritt von historischer Bedeutung einleiten. Wir müssen neue Beziehungen aufbauen.“ Ausdrücklich wird die Opposition der Bundesrepublik von Frelek in die Bereitschaft zur Verständigung einbezogen: „Wir wollen nicht Verständigung mit einer Regierung oder einer Koalition, sondern mit allen Gruppen und Parteien.“ Aus einigen Bemerkungen wird freilich deutlich, daß der Schlußstrich vom 12. März kein undifferenzierter Bindestrich zur Bonner Opposition ist: „Es war uns eine Freude, mit der ganzen Regierungs-Equipe diese Beziehungen zu bauen, besonders mit Kanzler Schmidt und Außenminister Genscher.“ Über Strauß: „Ich muß Ihnen ehrlich eingestehen, daß ich die Motive der Politik von Herrn Strauß nicht verstehe.“ Wie er Helmut Kohl beurteile: „Anders.“

Das klingt milder und differenzierter als noch vor Monaten. Im vergangenen November war es fast unmöglich, mit sonst milde gestimmten Polen über die Opposition zu reden. Jedes Gespräch geriet da zum Disput. Damals war die Opposition gleichgesetzt worden mit dem Ende der Entspannungspolitik. Jetzt wird selbst ein Regierungswechsel in Bonn nicht mehr als das Ende der Annäherung gefürchtet. Marian Dobrozielski, Direktor des Polnischen Instituts für internationale Angelegenheiten, findet sogar nachsichtige Worte für das eigentlich unentschuldbare Verhalten Kohls, eine Jahre zurückliegende Einladung immer noch nicht angenommen zu haben. „Er ist sicherlich ein vielbeschäftigter Mann.“