Portugal im Jahre Zwei: Eine Kulturbilanz

Von Curt Meyer-Clason

Wie hat sich das portugiesische Kulturleben in den letzten beiden Jahren entwickelt, was an Neuem ist hinzugekommen, was ist verschwunden? So fragte mich die ZEIT. Es ließe sich manches darauf sagen. Zum Beispiel dies:

Die Zensur ist gefallen, ganz und gar. Kinoplakate warnen den Besucher höchstens: „Dieser Film enthält einige möglicherweise abstoßende Szenen.“ Lehre, Seh- und Spielweise des unter dem Faschismus erzverbotenen Bertolt Brecht werden mit Leidenschaft nachstudiert, und das Berliner Ensemble liefert Regieanweisungen und entsendet Regisseure wie Dramaturgen zu Seminaren. Das zur Zeit einzige Staatstheater wurde fern von Lissabon in Evora, der Hauptstadt der Provinz Alentejo, gegründet; es ist zugleich Kulturzentrum für das gesamte Hinterland.

Überhaupt wird im Zuge der kulturpolitischen Revolution dezentralisiert. Statt die eigene Bedeutung mit Repräsentationskonzerten (Symphonieorchester und Dirigenten von Weltrang) zu unterstreichen und Kompositionsaufträge an Halffter, Penderecki und Xenakis zu vergeben, bringt die finanzmächtige Gulbenkian-Stiftung ihre zahlreichen Musikdarbietungen nunmehr landauf, landab zu ein bis drei Mark Eintritt unter das Volk; ihre Wanderbibliotheken sind mehr als früher unterwegs, ihre wissenschaftlichen und studienfördernden Abteilungen sind ebenfalls tätiger. Einst trügerisches Aushängeschild für das Ausland, versteht die Stiftung sich heute als dienender Teil des Landes und hat kürzlich ihre Räume wieder drei Wochen lang der Regierung für die Vorbereitung und Durchführung der Wahlen zur Verfügung gestellt.

Alle Universitäten sind in Gärung; wenn auch langsam, werden neue Volksschulen in Serienfabrikation gebaut, Berufsausbildung und Kindererziehung sind Themen des Tages.

Bücher, die unter der Diktatur unterdrückt waren, erleben zahlreiche Neuauflagen, so „Esteiros“ (Fluß- oder Meerarme) von Soeiro Pereira Gomes, der, als Anführer eines Arbeiterstreiks 1944 von der Polizei in den Untergrund getrieben, 1949 an Schwindsucht starb. „Für die Söhne der Menschen, die nie Kinder gewesen sind, habe ich dieses Buch geschrieben“, lautet die Widmung des Arbeiter-Erzählers.