Von Carlotta Tagliarini

Seit kurzem haben die italienischen Kinder eine zweite „Mamma“ bekommen. Natürlich keine leibliche Mutter, die nur für ihre eigene Familie da ist; sondern eine für 15 Millionen italienische Kinder: eine Fernseh-Mamma nämlich, die jeden Samstag Punkt 18 Uhr auf dem Bildschirm erscheint. Sie heißt Maria Vittoria Antonaroli, ist 36 Jahre alt und wurde von den spanischen Schwestern der Heiligen Theresa in Rom erzogen. Sie legte an der katholischen Universität Gemelli ihr Examen als Kinderärztin ab, sie ist verheiratet und hat vier Kinder im Alter von zehn, neun, acht und sechs Jahren.

M. V. Antonaroli ist die Frau, die in Italien den ersten Kurs für Sexualkunde für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Das Abenteuer von TG 2 über sexuelle Erziehung begann im April.

Auf dem Fernsehbildschirm erschien eine junge, zarte Frau, umgeben von einem Dutzend Heiner Jungen und Mädchen. Und sie begann von dem kleinen Pipi (pisellino) zu sprechen, der steif wird und der in den kleinen Spalt (fessurina) eingeführt wird. Sie sprach in völliger Unbefangenheit von den kleinen Samen (semini), die aus dem Hoden (palline) herauskommen und kleine Bierchen (ovini) befruchten: „Und so entstehen Kinder.“ Es waren nur zehn Fernsehminuten; aber zehn aufregende Minuten wie in einem Wildwestfilm.

Am darauffolgenden Tag bezog die gesamte italienische Presse Stellung in einer Form, die von hysterischer Ablehnung bis zur Verherrlichung ging. Italien war in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite die Konservativen, auf der anderen die Fortschrittlichen; auf der einen die über 50jährigen, auf der anderen die unter 30jährigen.

Aber die heftige Polemik entwickelte sich weniger über die Form der Sendung als über die Sprachbegriffe, mit denen das Thema dargeboten wurde. Weshalb, so wurde zum Beispiel gefragt, von einem Vögelchen (pisellino pistolino) spreden und nicht vom Penis (pene)? Weshalb vom kleinen Spalt (fessurina) reden, wo es doch das wissenschaftliche Wort Vagina gibt?

Die bekannteste italienische Zeitung „Corriere della Sera“ bemühte sogar den Schriftsteller Goffredo Parise, der auf der ersten Seite des Blattes diese Fernsehübertragung heftig kritisierte Er schickte in seinem Bericht allerdings vorweg, daß er persönlich zu den Avantgardisten gehöre und daß er schon im zarten Alter von elf Jahren Sexualunterricht von einem chinesischen Mönch erhalten habe.