Als der Mittelstand für kurze Zeit dem Rausch verfiel, Geschichte zu machen, war dies für viele Menschengeschichten das Ende: Biographien brachen ab oder wurden in Schlachtgeschichten fortgesetzt. Diese Zeit des deutschen Faschismus kannte das totale Reflexionsverbot. Wenn überhaupt, dann wurde nur in größeren Portionen gedacht, in den Kollektiva „Volk“, „Masse“; Innerlichkeit durfte nicht sein. Uns heute, manchen von uns heute, ist es wieder wichtiger geworden, daß jeder seine eigene Geschichte hat. Können wir nun, vom Standpunkt unserer neuen Innerlichkeit aus, jene historische Geschichte des Zweiten Weltkrieges auf dem Theater sinnvoll (erstens) als viele einzelne, sehr private Geschichten erzählen und (zweitens) vor allem als immer noch unsere eigenen?

Gerlind Reinshagen hat in ihrem neuen Stück „Sonntagskinder“ Szene um Szene, Bild um Bild aneinandergereiht, als sei (chronologisch) Seite um Seite eines alten Photoalbums in Theater verwandelt worden. Einschließlich dessen, was zunächst wie das besondere Geheimnis dieses Albums wirkt: es hört nicht auf und zeigt beim Weiterblättern sich ähnelnde Bilder, ganz wie vorher, nur vor verändertem zeitgeschichtlichem Panorama: Therese Wöllmer, Apothekersgattin, wird Witwe durch den Krieg. Nach dem Untergang des Reichs, wenn wieder Frieden ist, reicht sie dem Schuldirektor Rodewald die Hand zum neuen Lebensbund. Zu sehen ist am Ende des Stücks, das in drei Teilen den Weltkrieg II vom Siegestraum bis zur Kapitulation erzählt, wie eine trotz aller Katastrophen ganz unveränderte, völlig unbelehrbare Kleinbürgerin (samt ihren alten Vorurteilen) den Beginn einer neuen Honoratiorenehe feiert: kein Abschied von gestern, nur neue, altbekannte Bilder.

Dieser Schluß ist eine Art Gebrauchsanleitung für das Drama. Auch weil das Politische auf das Private, das Globale auf das Überschaubare, das Monströse auf das Menschliche reduziert worden ist, stört es unsere bequeme historische Distanz und weist auf ideologische Strukturen der Gegenwart hin, die am historischen Extrembeispiel, im Zustand ihres „idealen“, das heißt schrecklichen Funktionierens, mit besonderer Deutlichkeit sich zeigten. Der Ort der Handlung ist eine Kleinstadt, und wir erleben die Geschichte dreier Familien, deren Hauptpersonen Kinder sind. Psychisch und physisch traktiert, Opfer der Erwachsenen, denken sie meist klüger als ihre Eltern: „Wie Narren sehen sie die Dinge in ihrer schlimmsten, wirklichsten Bedeutung.“ Dies zeigt bereits das Kinderspiel der ersten Szene: Elsie, die Tochter des Apothekers Wöllmer, spielt erwachsen und sieht die drohende Katastrophe des Krieges in Einzelheiten voraus. Die Erwachsenen selber sehen sie nicht. Deren hohe Irrationalität und die (sehr produktive) Naivität der Kinder (die gleichzeitig Unschuld und Verführbarkeit bedeutet) werden (wie auch Vergangenheit und Gegenwart) dialektisch aufeinander bezogen. Letztlich ist dies Stück, das auch als Kindertragödie zu lesen ist, keinesfalls ein Stück, das immer nur ausgeklügelt argumentiert, sondern eines, das auch poetisch ist, auch sich selber Naivitäten erlaubt; dessen Qualität darin besteht, daß es ein ganz melancholisches, aber auch ganz realistisches Gefühl von dem vermitteln kann, was Geschichte ist. Das Elend des Faschismus zeigt es uns nicht nur auf einer vagen seelischen Ebene, sondern auch körperlich konkret.

Alfred Kirchners Stuttgarter Uraufführung gab eine eher verzagte Interpretation der „Sonntagskinder“. Und dies, obwohl Axel Manthey eine Bühnenlandschaft entwarf, die eine Interpretationslandschaft war, die zeigte, daß hier eine Gesellschaftsstruktur untersucht wird (und nicht bloß historische Ereignisse, vergangene Tatsachen). Da war eine Häuserzeile markiert: lauter kleine, genormte, bleiche Häuschen, ohne Tür, ohne Fenster – trostlos, radikal unbewohnbar. In der Tiefe der Bühne, neben einer kleinen Kapelle, neben zwei Grabsteinen, direkt über einer grünen Mulde, sah man eine Hakenkreuzfahne wehen. Auf einer schiefen Ebepe vorn: ein kleinbürgerlicher Innenraum. Überall Requisiten.

Zaghaft war diese Inszenierung trotz Therese Affolters entschiedener Interpretation der Apothekertochter Elsie. Man sah sie heiter arglos, voll Kindlichkeit immer nur bis zu einem gewissen Moment der Verweigerung. Dann hatte sie plötzlich ein ganz anderes, weit ernsteres Gesicht, wenn sie (selbst „wild auf Geschichten“) das betrübliche Ende der „Undine“-Erzählung („ich hab’s vergessen“) für sich behielt, wenn sie momentweise zu wirklichen Einsichten gelangte. „Ich habe es auch gewußt“, versichert sie, als sie hört, daß ihr Vater (Wolfgang Höper) sich freiwillig gemeldet hat, um aus der Enge der Kleinstadt wegzukommen. Sie hat begriffen, daß es ihm unter solchen Leuten wie dem Schuldirektor Rodewald (Ludwig Anschütz) nicht gefallen kann. Am Ende, zwischen den Trümmern, versucht sie, ihren toten, blutig geschminkten Freund von der Stelle zu bewegen: ein Bild gewaltiger Hilflosigkeit. Therese Affolter hat die traurige Schönheit dieser Figur erklärt bis in alle Kleinigkeiten der Gefühle, bis sie am Ende, nach einem (wahnsinnigen) Anfall von Aggression, in ein Kleid geschnürt wird, wie in eine Zwangsjacke.

Zaghaft war diese Inszenierung in den grotesken Momenten: Der Schuldirektorssohn Nolle ist ein Nazi mit Nibelungentreue. Er kehrt vorzeitig, halb verblödet, halb erblindet, an einen Rollstuhl gefesselt, aus dem Krieg zurück. Ignaz Kirchner spielt die Rolle als stiernackigen, total neurotischen Gnom in HJ-Höschen, verstümmelt eigentlich seit je. Da hat Kirchner dies Stück zu leicht genommen, zu einfach, hat die brutale körperliche Argumentation falsch verstanden, hat die grotesken Momente zu billig verschenkt.

Denn dies Stück geht zärtlich und grausam mit seinen Figuren um, zeigt lauter Sonntagskinder, die keine sind: „Soldaten, überhaupt die jungen, die sind irgendwie... wie Sonntagskinder, so... erwartungsvoll und hübsch von innen her...“ Und mit demselben Blick auf die Uniformierten, kurz vorher, sagt Elsie: „Ich würd’ gern wissen, ob eventuell die gleichen Menschen immer wieder kommen... alle die von früher... nur in anderen Kleidern...“ Das ist ein wichtiges Stück, eines, das warnt. Warnende Stücke sind wichtig.

Helmut Schödel