Von Fritz Pleitgen

Dem in Moskau akkreditierten Korrespondenten stellt sich häufig die Frage, wer über wen unaufrichtiger berichtet: die sowjetische Presse über den Westen oder die westliche Presse über den Osten? Schenkte man beispielsweise den Moskauer Massenmedien Glauben, dann müßte man Indien für ein blühendes Land mit gewissen Schwierigkeiten halten, die Bundesrepublik hingegen dem Bankrott nahe wähnen. Andererseits sind zahlreiche im Westen verfaßte Berichte über die Sowjetunion weniger geeignet, wahrheitsgemäß zu informieren, als dem näher postierten Beobachter die Schamröte ins Gesicht zu treiben.

East is East and West is West – was die Methoden und ihre Wirkung angeht. Während die Schwarz-Weiß-Malerei der Sowjetpresse den intelligenten Teil der Kundschaft geradezu animiert, sich mit Hilfe anderer Informationen (westliche Radioprogramme) eine eigene Meinung zu bilden, verkauft die "freie Presse" des Westens ihre Sowjetunion-Berichte, am glaubwürdigsten, wenn sie im Gewande scheinbarer Objektivität traditionelle Vorurteile pflegt.

Dies zur Marktlage, die auch zum Thema gehört.

Zwei Bücher über die Sowjetunion sind erschienen. Ihre Verfasser sind amerikanische Journalisten, die drei Jahre (von 1971 bis 1974) als Korrespondenten in der UdSSR arbeiteten. Die Rede ist von

Hedrick Smith: "Die Russen – Wie die russischen Menschen – von Kiew bis Wladiwostok – leben, wovon sie träumen, was sie lieben und wie ihr Alltag wirklich aussieht"; Scherz Verlag, Bern und München 1976; 640 Seiten, 24,80 DM.

Robert G. Kaiser: "Alle Kinder Lenins. Rußland heute – Alltag einer Weltmacht"; Rowohlt Verlag, Reinbek 1976; 528 Seiten, 29,80 DM.