Von Bernard Levin

Den Geist der Zeit in seinem Flug einzufangen ist immer die schwierigste und eine der wichtigsten unter den Funktionen der Kunst gewesen, und es gibt wenige große Schriftsteller (in einem weniger, direkten Sinn gilt es für die Maler und Musiker gleichermaßen), die sich nicht im Kern ihres Werks diesem Problem gegenübersahen. Manche weisen natürlich den Imperativ zurück, und das sogar bewußt, obwohl sich für den einen oder anderen von ihnen die Macht einfach als zu stark erweisen mag: Keats wollte nichts als fühlen, und trotzdem erfand er die Romantik.

Bei wirklich didaktischer Kunst wird das Problem sehr viel schwieriger. Eine unmittelbare Aussage zu den wichtigen Fragen im Leben der Nation bleibt als Kunst meist nichtssagend und folgenlos. Von allem anderen abgesehen, veraltet sie viel zu schnell, und ein Schriftsteller muß schon ein Shakespeare oder ein Aristophanes sein, um aktuelle Anspielungen in seinem Werk unterzubringen und darauf bauen zu können, daß es dennoch Jahrhunderte überlebt.

Kaum jemals in der Geschichte ist eine solche Menge an didaktischer Kunst hervorgebracht worden wie heutzutage – auf der Bühne, im Film, im Roman. Was sie wert ist, ist natürlich eine andere Frage; die „engagierte“ Kunst der Nachkriegswelt ist zu einem größeren Teil Schund gewesen, aber man kann sich darauf verlassen, daß das Sieb der Geschichte den Schund vom Wertvollen trennen wird. Außerdem wissen einsichtige Beobachter der Szene gewöhnlich anzugeben, welche Werke aus irrelevanten Gründen Aufsehen erregen und sich als Eintagsfliegen erweisen werden und welche mit dem Geist und der Stimmung der Zeit wirklich etwas zu tun haben. Fassbinders Filme zum Beispiel mögen politisch „richtig“ oder „falsch“ sein; doch die Debatte, die sie in Deutschland (und anderswo) auslösen, ist echt, und zwar weil der Regisseur instinktsicher seiner Zeit und seinem Ort die Temperatur gemessen hat (und das Ergebnis in einem beträchtlichen Grad universell zu machen verstand).

Hier in England hat der interessanteste unserer Nachkriegsdramatiker, John Osborne, soeben ein neues Werk geschrieben, das sich, was Qualität und Interessantheit anbelangt, mit allem, was er früher geschrieben hat, messen kann – und zwar weil es in höchstem Maße Zeichen für seine Fähigkeit ist, das Wesen der Zeit zu packen und ihr Porträt zu zeichnen – nicht die Oberfläche. Ich möchte es so sagen: Er besitzt die Gabe, aus dem Augenwinkel zu beobachten und nicht so sehr das zu verstehen, was die Leute denken, als vielmehr das, was die Leute aus ihren Gedanken zu verdrängen suchen, weil auch sie es aus dem Augenwinkel sehen und ihnen, was sie da sehen, nicht gefällt.

Sein neues Stück heißt „Watch it Come Down“ (Sieh, wie es herabstürzt), und der Titel stammt aus einer Dialogstelle, in der eine Figur von einer Abbruchkolonne spricht, die ein Gebäude niederreißt, während die Herumstehenden bei seinem Einsturz zusehen. Wie ein großer Teil von Osbornes besten Werken handelt es sich um eine Allegorie auf England, aber es scheint sich doch auf mehr zu beziehen als nur auf England. Man berücksichtige: Es spielt unter den Mitgliedern einer Art Intellektuellen-Kommune in einem umgebauten Bahnhof; die beiden Hauptfiguren sind in Ehen eingeschlossen, in denen sich die Partner gegenseitig zerstören; die Konturen der Sexualität sind absichtlich verwischt (einige der Hauptpersonen sind bewußt ambivalent); und was das Wichtigste ist: die Gemeinschaft ist bei den Ortsansässigen verhaßt, und das Stück endet mit einem bewaffneten, mordgierigen Angriff durch die Außenwelt.

So erzählt, hört es sich grob und grell an. Es ist auch grell, aber grob ist es nicht. Im Gegenteil: Es schildert ungeheuer geschickt, subtil und kraftvoll das Gefühl, das immer mehr Menschen in Ländern wie denen Westeuropas beherrscht: das Gefühl, daß keine Sicherheit verblieben ist, daßdie Annahmen, die einst die Zivilisation zusammen- und die Barbaren fernhielten, in sich zusammengefallen sind, so daß es keine andere Sperre gegen die Anarchie gibt als die, daß die Anarchie es bisher versäumt hat, ihre Chance wahrzunehmen.