Vor vierzig Jahren ist in einem New Yorker Verlag die Mappe "Interregnum" von George Grosz, eine Folge von 64 Lithographien, erschienen, die jetzt als Reprint wiederaufgelegt wurde (Propyläen Verlag, Berlin, 1976; 400 numerierte Exemplare; 84 S., 198,– DM). Grosz, 1932 nach New York emigriert, hat die Blätter in den ersten Jahren des amerikanischen Exils geschaffen. Sie widerlegen die Legende, der aggressivste unter den politischen Künstlern der zwanziger Jahre habe sich in Amerika zum harmlos-freundlichen Idylliker gewandelt, der seinen Frieden mit Gott und der Welt, speziell der amerikanischen Welt gemacht habe. Das "Interregnum" ist die Fortsetzung des politischen Kampfes. Die Abrechnung mit dem nazistischen Regime verliert dadurch nichts an Schärfe, daß sie ein Außenstehender aus erzwungener Distanz zum Schauplatz des Geschehens vornimmt. Nicht nur die braunen Machthaber, werden aufs Korn genommen; Grosz beleuchtet auch die Hintergründe ihrer Existenz, denunziert die Spießermentalität als Voraussetzung des Terrors und demaskiert die Mitläufer, die ihre Hände in Unschuld waschen. "Wo waren nur die Dichter und die Denker?" Haß und Verzweiflung äußern sich in der Form der Satire, die sich der Graphiker George Grosz als politische Waffe geschaffen hat. Sein "Interregnum" ist ein wesentlicher Beitrag zum Thema Deutsche Kunst in der Emigration, das bisher nur unsystematisch aufgearbeitet und veröffentlicht wurde, etwa durch die ebenfalls als Propyläen-Reprint erschienene "Apokalypse" von Max Beckmann.

Gottfried. Sello