Hamburg

Der Alarm kam Pfingstsonntag 12 Uhr: Bei der Familie Daniels in Hamburg meldete sich die Einsatzstelle im Polizeihochhaus Hamburg. Ein Ruderboot, geführt von dem Kaufmann Werner Daniels (44), besetzt mit seiner Frau Hanna (37), Tochter Anne (14) und zwei Freunden (19, 27) sei stromaufwärts von Lauenburg von dem DDR-Schnellboot NVA 341 zur Landung auf DDR-Gebiet gezwungen worden.

Pfingstsamstag waren fünf Boote des "Hamburger und Germania-Ruderclub" zum Ausflug von Hitzacker nach Hamburg gestartet, 40 km, kurz vor Lauenburg, wurde gezeltet. Sonntag um halb elf hatten die Boote die Reise Richtung Heimat fortgesetzt. Über den Grenzverlauf dort ist Streit: Die Bundesrepublik beansprucht die ganze Elbe als ihr Gebiet; die Grenze wäre dann das andere Ufer. Die DDR behauptet: Die Grenze ist der "mittlere Talweg"; das ist die tiefste Stelle des Flusses. Allerdings hatte man die Ruderer beruhigt: auf alle Fälle dürften Schiffe bis zur "Buhnenstreichlinie" fahren; das ist die (gedachte) Linie, welche die äußersten Enden der Buhnen miteinander verbindet (an denen der Strom "entlangstreicht").

Daniels hatte sich mit seinem 12 Meter langen Boot auf der bundesrepublikanischen Seite des mittleren Talwegs gehalten – bis ein Wind vom östlichen Ufer das Boot voll Wasser schlug; um es auszuschöpfen, muß man dann an das Ufer, von dem der Wind weht und die Wellen noch klein sind. Fast zwei Bootslängen vor der (östlichen) Buhnenstreichlinie schöpften gerade die Sportsmänner, als hinter der nächsten Buhne ein DDR-Boot hervorschoß und einer der Besatzung mit gerichteter Maschinenpistole rief: "Fahren Sie hinter die Buhne" – sie müssen also davor gewesen sein. Antwort: "Wir wollen doch nur das Boot ausschöpfen." Die Ostkameraden luden durch; D. steuerte sein Boot schleunigst hinter die Buhne. Da lag man 30 Minuten – Sonne stark, Wind mäßig. Die vier anderen Boote waren vorausgefahren.

Ein stromaufwärts fahrendes Motorboot aus der Bundesrepublik hatte die Aktion beobachtet, die Insassen winkten. Daniels und Freunde winkten zurück und zuckten erkennbar die Achseln. Das Motorboot alarmierte die Zolldienststelle Hitzacker; die brauste – 11 Uhr – mit einem Zollgrenzboot heran und rief per Megaphon den gestrandeten Sportskameraden zu: "Nicht hinter die Buhne!" Dafür war es angesichts der geladen Ost-Gewehre zu spät. So konnte man nur die Namen der Gestrandeten und des Clubs herüberrufen, was die Ost-Leute zuließen. Um 11.11 Uhr bereits hatte die Polizei Hamburg den Anruf des Zolls in Hitzacker. Kurz darauf war das Bundeskanzleramt benachrichtigt; das alarmierte die "Ständige Vertretung der Bundesrepublik" in Ostberlin. Der Amtsschimmel hatte auch am Pfingstsonntag heftig getrabt – sehr beruhigend. Die "Ständige Vertretung" ist (gerade) an Feiertagen um die Uhr besetzt, je nach Zufall des Dienstplanes von einem Regierungsinspektor oder Ministerialrat, aber alle mit ständigem Zugang zum Chef, Staatssekretär Gaus.

Hinter der Buhne, 12 Uhr. Nach 30 Minuten Warten erschien am Ufer ein Trupp Volksarmee, forderte auf, am Ufer auszusteigen. Ein Major der Volksarmee photographierte die Gruppe: "Sie sind vorläufig festgenommen." Auf einen Lastwagen wurden verladen: links fünf Ruderer in Hose und Leibchen, rechts zwei Volksarmisten mit Gewehr im Anschlag auf die Badehosen. Nach 30 Minuten landete man in einer Kaserne, wo nervöse Militärs und freundliche Zivilisten "befragten". Wenn ein Protokollpunkt erfüllt war, ging der "Befrager" ins Nebenzimmer – wohl zu Vorgesetzten. Nicht protokolliert wurden Fragen: "Wie werden die Wahlen in der BRD ausgehen?" (Antwort: "Knappes Rennen, schließlich müßten CDU/CSU die absolute Mehrheit kriegen, das ist nicht so leicht") oder: "Wenn die CDU gewinnt, geht dann die BRD mit Strauß ganz nach rechts?" ("Das stellen Sie sich ganz verkehrt vor"). Gefragt wurde dringlich, aber nicht drohend; die Leute wollten’s einfach wissen. Zwischendurch gab es Butterbrote. Um 15.30 Uhr: "Sie können heim, wir schieben Sie ab", am besten wohl gleich mit dem Interzonenzug 16 Uhr 20. Das war zu spät, weil erst das Gepäck der immer noch halbnackten Sportler geholt werden mußte.

Zwischen Horst (dem letzten Ort auf DDR-Seite an der Straße Berlin–Lauenburg) und Lauenburg pendelt ein West-Bus, extra eingerichtet für den nach dem "Verkehrsabkommen" bei uns erwarteten West-Ost-Ausflugsverkehr. Dorthin, sagten die DDR-Beamten freundlich, würde man die inzwischen bekleideten Ruderer bringen; das Boot könne am Mittwoch in Horst abgeholt werden. Die Wartezeit war friedlich. In den Kasernenstuben gaben die Lautsprecher Westmusik und Westinformationen. Vor der Stube patrouillierten – Gewehr im Anschlag – zwei Volksarmisten. Im Wagen nach Horst fuhren nur die freundlichen Zivilisten mit; wieder wollten sie wissen, was nach den Wahlen würde – offenbar glaubt man drüben, daß ein siegreicher Franz Josef Strauß in schimmernder Wehr und mit wilhelminischem Schnurrbart gegen Osten toben wird.