ZDF, Donnerstag, 3. Juni: „Wahlium 76“ – Das Düsseldorfer Kom(m)ödchen

Die Wortwitze – nun gut, meinethalben: Die Leute sterben offensichtlich nicht aus, die es für geistreich halten, wenn in einem Dialog zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das Wort schleyerhaft fällt – es ist so doppeldeutig und geheimnisvoll. Auch die Kalauer mögen, von mir aus, passieren: Wer klopfte sich nicht auf die Schenkel, wenn ein Mann aus dem Volke Pylon und Python verwechselt, den Turm mit dem Drachen? Wer müßte sich nicht ausschütteln vor Lachen, wenn ein Kabarettist, im Stil der Mainzer Bütt, den Bundeskanzler, der bekanntlich alles trägt, als tragisches Element apostrophiert? (Im Parkett: rauschender Beifall.)

Das mag alles hingehen: Witz ist schließlich nicht jedermanns Sache. Und hingehen mag’s auch, wenn Begebenheiten, von denen die griechische Sage erzählt, in einer Weise apostrophiert werden, verschlüsselt, verrätselt, anspielungsreich, daß selbst Altphilologen nicht mehr so richtig begreifen, um was es hier geht. (Wer, Hand aufs Herz, weiß schließlich schon, daß Pokrustes und Damastes ein und dieselbe Figur sind: wer, außer Frau Lorentz und dem Verfasser des Lexikons der griechischen und römischen Mythologie?)

Der Witz, der kein Witz ist, tut niemandem weh, der hermetische Tiefsinn à la T. S. Eliot, Joyce und Pavese tut es erst recht nicht. Wenn aber ein Kabarett neunzig Minuten lang versucht, den Begriff „Neutralität“ ad absurdum zu führen, und das auch noch unfreiwillig, dann wirkt das schmerzhaft... dann wird Langeweile zur Pein. Man stelle sich vor: Eineinhalb Stunden lang Unterricht in Staatsbürgerkunde! Pluralismus bis zum puren Aberwitz! Harmonisierung um jeden Preis!

Hier wurde nicht nur – weil ja Wahljahr ist – der Neunzig-Minuten-Proporz sekundengetreu garantiert; hier war jeder einzelne Beitrag parteigerecht ausbalanciert, ja, mehr als das, hier wurde sogar in jedem Satz nach rechts und nach links hin zugleich argumentiert. Nur keine Einseitigkeit, hieß die Devise, in diesem Punkt zumindest wollen wir anders sein als die Mainzer Christkarnevalisten, nur keine Soli, nur immer paarweise auf die Bühne spaziert (und wenn schon allein, dann allenfalls mit einer Meditation über Pokrustes und Theseus). Hans Karl Filbinger wäre, hätte er sich im Saal unter dem rheinischen Völkchen befunden, vor Glück auf den Sessel gestiegen: Das, Freunde, nenne ich mir Ausgewogenheit. So soll es sein, und so soll es bleiben.

Arbeitnehmer, Arbeitgeber. CDU und SPD. Helmut Kohl und Helmut Schmidt. Jeder wurde bedacht (natürlich in freundlicher Art), jeder bekam seinen Gruß auf den Weg: Macht’s gut, miteinand! Pfüati Gott, Helmut! (Wir werden uns hüten zu sagen, welchen von beiden wir meinen.)

Kein Zweifel, das war so etwas wie eine Pilot-Sendung, dieses „Wahlium 76“. Ein Modell der Ausgewogenheit. Langweilig, geistlos, klamottenhaft, tumb – aber dafür höchst pluralistisch. Mehr Kommödchen werden von nun an die Politiker sagen, wenn sie die Linkslastigkeit der Panorama- und Monitor-Männer anprangern. Mehr Kommödchen, im Stil der ZDF-Sendung im Wahljahr. Mehr Valium: bis auch der Letzte eingeschlafen ist. (Und dann kommen wir.)

Momos