Bicentennial ist anscheinend ein Zauberwort, das im Jubeljahr Amerikas selbst unangemeldeten Besuchern überraschend die Türen öffnet, auch solche zur Kunst. Ein Telephongespräch mit New York – und Hans Albert Peters, der Leiter der Kunsthalle Baden-Baden, hatte eine gerade zu Ende gehende Ausstellung des Guggenheim-Museums rasch für sein Haus gebucht. Exklusiv für Europa: „Twentieth Century American Drawing: Three Avant-Garde Generations“, eine eigenwillig akzentuierte Übersicht über die amerikanischen Zeichnungen im 20. Jahrhundert.

Nicht alle Eigentümer, in letzter Minute um eine Verlängerung der Ausleihefrist gebeten, waren dazu bereit. Die Lücken konnten zum Teil wieder aufgefüllt werden, hauptsächlich aus den Beständen des Museum of Modern Art in New York. Die Konzeption der Ausstellung blieb durch Verlust und Austausch einer Reihe von Arbeiten allerdings unberührt.

Diane Waldman vom Guggenheim-Museum hat 29 Künstler – ausschließlich Maler, keinen Bildhauer – ausgewählt, deren. Zeichnungen (Collagen mit eingeschlossen) sie als repräsentativ ansieht für die Entwicklung dieses Mediums in den Jahren von 1910–1970, betrachtet aus dem Blickwinkel der Avantgarde. Das Kriterium für Avantgarde ist aus der spezifisch amerikanischen Kunstsituation abgeleitet; der eigentliche, wenn auch hintergründige Zugpunkt bleibt jedoch die europäische Moderne.

Der Einfluß der europäischen Avantgarde auf die amerikanische, ihre Wirkung mindestens als auslösendes Moment, ist überall spürbar bei den Zeichnern der „Drei Generationen von der Armory Show bis heute“ (so der ungenaue, die historische Perspektive betonende deutsche Titel der Ausstellung). Die „Armory Show“ – eine imponierende Manifestation europäischer Kunst, vom Symbolismus bis zum Kubismus, von den Anfängen der Abstraktion, 1913 in New York und Chicago und Boston gezeigt – hat vor allem dem Publikum die Rückständigkeit seiner Kunstanschauung vor Augen geführt. Die Künstler der ersten amerikanischen Generation der Avantgarde hatten sich bereits vorher an Ort und Stelle in Paris oder München mit der neuen Entwicklung vertraut gemacht.

Mit Ausnahme von Marcel Duchamp, der während des Ersten Weltkrieges und in den Jahren danach eine Art Kristallisationspunkt der Moderne in Amerika war (er hat mit Recht einen Ehrenplatz in der Ausstellung), und Man Ray, dem eingesessenen Mitglied von New Yorks Dada, sind diese Künstler diesseits des Atlantiks so gut wie unbekannt: Marsden Hartley, befreundet mit Kandinsky und Marc, dessen „Military Symbols“ (1913, 1914) vorausweisen auf die anti-emotionale Gegenständlichkeit der „mechanischen Zeichnungen“ Picabias; Stanton Macdonald-Wright und Morgan Russell, die – angeregt von Delaunäy und wahrscheinlich Kupka – gemeinsam eine Malerei des „Synchronismus“ entwickelt hatten, eine Reaktion auf den monochromen Kubismus; Arthur Dove, der bereits um 1911 auf dem Wege zur Abstraktion war; Charles Demuth, der vor der neuen Sachlichkeit dem Mythos der Maschine huldigte.

Joseph Stellas Collagen aus den frühen zwanziger Jahren, Abbildungen der Wirklichkeit, zusammengesetzt aus Fragmenten und Bildern der Wirklichkeit, sind das Bindeglied zwischen Dada und Pop. Auch Stuart Davis hat um 1930 die Malerei Legers auf eine Weise assimiliert, in der Top vorweggenommen war.

Die zweite Avantgarde-Generation hat ebenfalls wichtige Impulse aus Europa empfangen. Arshile Gorky, ein Künstler, der sein Ich in wechselnden Masken suchte, verdankte dem Surrealismus seine künstlerische Befreiung; Joseph Cornell verdankte ihm zumindest entscheidende Anregungen, das Wunderbare seiner Objektkästen sucht man in seinen Collagen vergeblich.