Alle Eingänge des Nobelhotels, der Villa D’Este, waren streng bewacht, als im Mai eine Gruppe von 50 italienischen Top-Textiliten aus der Umgebung der Seidenstadt Como ihre Nouveautés zeigte. Drei Tage lang beherbergte das Haus in Como Tausende von Stoffmustern – und blieb für das Publikum geschlossen. „Ideacomo“, das ist die exklusivste und eleganteste Stoffmesse Europas; zu besuchen nur auf persönliche Einladung, gemanagt von den versiertesten PR-Spezialisten Italiens.

Die Textilindustrie ist der Mode immer um zwei Jahre voraus; denn was jetzt für den Sommer 1977 angeboten wird, beginnt lange vorher mit Weben, Stricken, Färben, Drucken; erst minuziös auf Papier gezeichnet, immer wieder anders koloriert, verworfen, umgestaltet und endlich auf den Stoff gebracht. Große Unternehmen beschäftigen an die 20 eigene Dessinateure, kaufen von bekannten Künstlern Ideen und verwenden pro Saison 700 bis 1000 neue Muster. Doch erst die Orders der Einkäufer bestimmen den Erfolg; erst dann werden Metragen zu Kilometern von Stoffballen, die meistens exportiert werden, in der Hauptsache nach Deutschland.

Noch ängstlicher als die Leute der Haute Couture lassen die großen Stoffhersteller, umgeben vom Stab ihrer Verkäufer, Interessenten in ihren handtuchgroßen, dicht an dicht hängenden Stoffmustern „blättern“. Immer verfolgen Beobachter mit Argusaugen Tun und Lassen der Besucher, versäumen plötzlich ihre besten „Bonbons“, wenn sie glauben, allzu genaue Beschauer vor sich zu haben. Die Angst vor eingeschleusten Spionen ist so groß, daß bestimmte Nouveautés in Den Haag patentiert werden. Aber auch das bietet keinen absoluten Musterschutz.

Neu ist, daß florale Dessins den Dauererfolg von Streifen überrunden. Allerdings, Streifen „kommen“ noch in sehr lebhaften, klaren Farben oder entstehen durch Punkte, Würfelchen, Blütenbänder oder verknotete Seile, die alle in Streifenmanier angeordnet werden. Dichtes Blumengewirr, als „Mille Fleurs“ apostrophiert, mit Kirschblüten, Maßliebchen, Maiglöckchen oder in pittoreskem Durcheinander, erscheint auf hellem und dunklem Fond. Mohnblumen, Chrysanthemen, Levkojen finden sich zwischen Weizenhalmen, Schilfkolben oder als strahlende Buketts auf Fonds, die mit Tupfen, Tropfen oder Reiskörnern in stumpfen Farben ausgefüllt sind. Stilisierte Blumen in persischer Art, aber auch die naiven Blümchen der kindischen Bauernstoffe blühen auf reiner Seide, auf Baumwolle oder Jerseystoffen.

Ganz anders jene neue Richtung, die mit Zeichensetzung aus der Rechtschreibung oder mit Computergraphik ein Stoffbild zeichnet, das meist auf hellem Grund in Hellblau, Türkis, Pink, Lila oder Braun gedruckt ist und von weitem kaum sichtbar wird. Es sind die „falschen Unis“, oder „Noprint-prints“ genannt. Ein Effekt, der auch mit Schulheftzeilen und Rechenheftkaros erreicht wird; alles bescheidene Dessins, die auf reiner Seide oder Baumwoll-Chiffon außerordentlich elegant wirken. Dazu kommt noch die Vorliebe für Mini-Dessins. Zum Beispiel winzige Elefanten, kleine Giraffen, Palmen, Windjammer, Posthörnchen, Reitstiefel, Jockeykappen und, wie in jedem Sommer, Muscheln über Muscheln.

Eine echte Neuheit, die der Konfektion die Arbeit erleichtern und verbilligen hilft, sind Schnittmusterteile, bereits auf Stoffe gedruckt, die leicht auf gängige Größen gebracht werden können. Solche Paneele werden für Blusen, Tuniken und Röcke angeboten und sind mit schicken Mustern bedruckt, in verschiedenen Größen, für Ärmel, Kragen, Blenden, für Vorder- oder Rückenteile. Nur die Farbgebung wird beibehalten. Ein Trick, der verblüfft und alles sehr wertvoll wirken läßt. Dasselbe System bietet sich für T-Shirts an. Sie sind mit Hochrädern, Segelschiffen, Wimpeln oder aufgemalten, hübsch um den Hals drapierten „Schals“ bedruckt. Sie brauchen nur mehr ausgeschnitten und genäht zu werden. Wer gleich 5000 Stück bestellt, bekommt sie fix und fertig geliefert.

Einkäufer hochwertiger Stoffe, ganz gleich, ob aus Deutschland, Frankreich oder Italien, suchten in Como vor allem nach kleinen Mustern in gemäßigten Farben, wobei der „Farbhunger“ deutscher Großkonfektionäre – Deutsche waren übrigens in der Überzahl vertreten – offensichtlich am größten war. Die Erfindung, reinseidenen Crêpe de Chine bei 60 Grad in die Waschmaschine versenken zu können, galt als Sensation der Messe. Der Stoff kommt wie neu zum Vorschein, es gab kein „Verlaufen“ von Farben und Mustern.