Die Reform-Ideale von morgen und die heutige Hochschul-Wirklichkeit

Von Hans Menninger

Ein Ritual beginnt: Jedes Jahr wieder werden die sechzig Mitglieder des Bremer Universitätsparlaments neu gewählt. Noch sitzen Hochschullehrer, Studenten und Dienstleister, wie die Angehörigen der Universität ohne Lear- oder Lernauftrag hier genannt werden, im Konferenzraum des neuen Mehrzweckhochhauses völlig gleichberechtigt nebeneinander. Sie bilden crei Blöcke von je zwanzig Personen. Transparenz durch Öffentlichkeit und Offenheit der Universität nach außen sind Kernforderungen des Bremer Modells. Aber von draußen dringt kein Licht in diesen Saal; Neon beleuchtet die Szene.

Es geht um die spezifisch bremische Mitbestimmung der drei Hochschulgruppen, um die Drittelparität also, die dies Entscheidungsgremium – den Konvent – der neuen Universität in dieser Form überhaupt erst möglich macht. Von Anfang an war die Gleichstellung der Lehrenden, Lernenden und der Dienstleister heftig umstritten; nun wird sie auch von ihren einstigen Verfechtern mit Mißbehagen betrachtet: „Während weite Kreise in der SPD sich nur noch verbal zur Drittelparität bekennen...“ – so beginnt ein Resolutionsentwurf, den der Sprecher der Dienstleister-Fraktion verliest.

Ein Student aus dem Publikum lehnt diese Aussage an sich und überhaupt ab; ein gewählter AStA-Vertreter im Konvent weist das wiederum energisch zurück. Und der Rektor Hans-Josef Steinberg wird – wie schon sein Vorgänger, Gründungsrektor Thomas von der Vring – auch diesmal nicht müde, die Dienstleister an sich und überhaupt und vor allem öffentlich zu loben: Sie haben sich wirklich verdient gemacht und in allen Stürmen als das „stabilisierende Element“ erwiesen.

Jetzt aber will man sie nicht mehr. Der Anpfiff zum Abbau der Reform kam Ende 1975 mit dem Hochschulrahmengesetz, das den Bundestag und den Bundesrat passierte, ohne daß das Land Bremen dagegen stimmte – obwohl dieses Gesetz das Bremer Hochschul-Modell unmöglich macht.