Noch ist sie nicht seliggesprochen, aber schon strömen die Lebenden zu ihr. Sie wandern zur Schwester Mater Fidelis Weiß in das Franziskanerinnenkloster Reutberg – das älteste Loretoheiligtum in Altbayern. Hier, zwischen Bad Tölz und Holzkirchen, wo 22 Schwestern kontemplativ im Kloster leben, feiert man die frühere Handarbeitslehrerin und Organistin der Kirche, Eleonore Weiß, deren „außergewöhnliche Frömmigkeit“, wie es im Klosterprospekt heißt, erst nach ihrem Tod im Jahre 1923 bekannt wurde. Und hier, über dem Kirchsee, finden die Pilger dicht hinter dem Biergarten – die Brotzeit ist hier ebenso schmackhaft wie preiswert – im hinteren Teil des schmucken Barock-Kirchleins ein angekettetes Schulheft, in das sie ihre Anliegen bannen. „Bitte, das Heft nicht wegnehmen“, steht darauf, und weiter: „Einschreibheft für Freunde der Schwester M. Fidelis – Anliegen und Dank.“

Es ist nicht bekannt, ob dem Schüler J. B. seine Bitte erfüllt wurde, „das ich in der Realschule gut bin! und das ich den Aufnahmetest schaffe“. Dafür gibt, es diverse Dankschreiben für greifbare Erfolge, vom Abschlußzeugnis bis zum Zuckertest, vom Familienfrieden bis zur „Wiederherstellung der Gesundheit“, Eheangelegenheiten und bessere Noten in „Matenproben“, was vermutlich Mathematik-Prüfungen bedeutet – so breit ist die Skala der Bedürfnisse. „Erbitte uns die Gnade der Sinnesänderung für meine Angehörigen“, ist zu lesen, und „daß ihr Sohn in die 10. Klasse aufsteigen darf“ auch, und: „Bitte hilf mir in meiner Zahnersatz-Angelegenheit. Hilf, daß Klaus den richtigen Beruf wählt“.

Aber auch böses Blut brodelt auf dem bayerischen Berg. „Mach bitte, daß Ilona T. (der Name ist der Redaktion bekannt) nicht in den Himmel kommt“ – die Unterschrift erfolgte unter vollem Namen, sorgfältig samt Anrede „Herr und Frau“.

Und daß Wünsche Erhörung finden, bewies im übrigen schon die Inschrift in einem anderen bayerischen Gotteshaus. Dankte dort doch einer aus tiefstem Herzen, daß er seine „Prühfung“ bestanden habe. Wenn das kein Wunder ist.

Angelika Boese