Noch wird das Thema von allen Beteiligten höchst vertraulich behandelt, aber geheim konnte es in der geschwätzigen Bundeshauptstadt nicht lange bleiben: Karl Schiller, Ex-Superstar der Bonner Politik, nähert sich wieder sachte den Sozialdemokraten, denen er 26 Jahre lang angehört hat, ehe er ihnen 1972 sein Parteibuch zurückschickte.

Voraussichtlich in der ersten Julihälfte wird er als Redner an einer Veranstaltung des von dem früheren Krupp-Manager Ernst Wolf Mommsen geleiteten Wirtschaftspolitischen Gesprächskreises der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung teilnehmen. Seine Zuhörer werden Wirtschaftsbosse und führende Bonner Koalitionspolitiker sein. Geplantes Thema: Die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Bundesregierung, die Schiller neuerdings mit Wohlwollen verfolgt (so hat er kürzlich Hans Apels Pläne einer Erhöhung der Mehrwertsteuer vom kommenden Jahr an gutgeheißen).

Dieses Ereignis kommt für manche Beobachter nicht ganz überraschend. Schiller hat seit Jahren immer wieder versucht, führende sozialdemokratische Politiker – insbesondere den Vorsitzenden Willy Brandt – für ein Gespräch zu gewinnen. Nun hat es mit Brandt endlich geklappt; durch einen geplanten Zufall begegneten sich die beiden in einem Intercity-Zug.

In Kreisen der Friedrich-Ebert-Stiftung heißt es dazu, Schiller habe „von der anderen Seite seit längerem die Nase voll.“ Diese „andere Seite“ sind die Unions-Parteien. Aber diesen eng verbunden ist der Großverleger Axel Springer, an den sich Schiller vertraglich als volkswirtschaftlicher Chef-Denker gebunden hat. Man darf gespannt sein, wie Springer auf den Sinneswandel seines Partners reagieren wird – zumal dieser so kurz vor der Bundestagswahl deutlich geworden ist.

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Aufgeschreckt von öffentlicher Kritik versuchte die Deutsche Bundesbank, möglichst schnell von dem Verdacht herunterzukommen, sie lasse sich in die Wahlkampfpläne der Bundesregierung einspannen. Dieser Verdacht war entstanden, nachdem einige überregionale Tageszeitungen und Zeitschriften eine Anzeigenbeilage verteilt hatten, die die bemerkenswerte Überschrift „Sind Schulden vernünftig?“ trug und vom Bundesfinanzministerium herausgegeben worden war.

Die Zeitungen selber freilich hatten ihre Leser unterrichtet, „dieser Ausgabe“ liege eine Anzeige der „Deutschen Bundesbank“ bei. Tatsache ist, daß die Beilage vom Finanzministerium mit über einer halben Million Mark bezahlt und von Finanzbeamten gemeinsam mit Bundesbank-Mitarbeitern verfaßt worden ist.