Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juni

Über Pfingsten war Großbritannien nicht wiederzuerkennen gewesen. Das Unbehagen über die inneren Zustände des Landes hinderte kontinentale Urlauber nicht daran, dort fröhlich ihren Urlaub zu verbringen. Als sie zurückkehrten, konnten sie sagen, von einer Krise hätten sie nichts gemerkt.

Denn weder waren sie in den Hinterzimmern der Bank von England dabei, als in einer Art telephonischem Sammelbüchsenverfahren der größte Überziehungskredit in der Geschichte der Sterling-Hilfsaktionen erhandelt wurde, noch hatten sie Zugang zu den Räumen der Gesellschaft für Wahlrechtsreform, wo die Stimmen der britischen Bergleute zum Ja oder Nein für die kommende Lohnrunde gezählt wurden. Auch hatten sie keine Chance, einen verstohlenen Blick hinter die Mauern von Downingstreet Nr. 11 zu werfen, wo Finanzminister Healey beschwichtigende Botschaften an das Volk präparierte, mit dem Inhalt, man werde die fünf Milliarden Dollar Kredit wohl gar nicht in Anspruch nehmen müssen. Und sofern sie am Unterhaus vorüberzogen, konnten sie nicht ahnen, wie sich im Fraktionszimmer der Konservativen die Geister stritten, ob angesichts der guten Nachrichten für die Regierung eine Totalattacke noch von Nutzen sei, für die alle Abgeordneten aus den fernsten Winkeln der Welt zurückbeordert worden waren.

Zur Kursberuhigung des Pfundes – wie kurz- oder mittelfristig sie sein mag – haben die 53 Prozent der britischen Kumpel, die den Gürtel weiter enger geschnallt lassen wollen, wahrscheinlich entscheidend beigetragen. Milliardenkredite hat England schon häufig bekommen (und vertan). Aber daß nach einem Jahr scharfer Lohnrestriktion sich nun nur eine einzige unter den großen Gewerkschaften fand, die der Bergleute, für die eine Zustimmung zu weiteren zwölf Monaten der Entsagung zweifelhaft war, das ist neu. Denn um Entsagung geht es. Jeder britische Arbeiter kann sich ausrechnen, daß sein Votum für diese Politik viel definitiver ist als die Zusage von Denis Healey, er werde daraufhin die Inflationsrate unter zehn Prozent bringen und der Volkswirtschaft einen neuen Start ermöglichen, der allen zugute kommen solle. Aufgeschreckt durch manche Preiserhöhung weiß jeder, der sich auf einen solchen Handel einläßt, wie rasch ein Finanzminister achselzuckend vor die Nation treten und auf „höhere Gewalt“ als Grund zum Bruch der Vereinbarung hinweisen kann.

Wenn am 15. und 16. Juni der Sonderkongreß der britischen Gewerkschaften in London zusammentritt, um diese zweite Runde der Enthaltung – viereinhalb Prozent – zu sanktionieren, dann stehen nicht einmal die alten Schreckgestalten der Bürgerängste, die Chefs der Transport- und Metallarbeiter, im Lager der Neinsager. Die Mehrheit für die Lohnpolitik Callaghan kann zur Ende der ersten Krise werden, durch die sie zur Zeit an der Börse und im Parlament hindurch muß. Freilich hat das Stillhalten der Gewerkschaften seinen Preis. Die von allen Seiten außerhalb der Linken geforderte drastische Kürzung der Staatsausgaben als Vorbedingung einer langfristigen Erhöhung muß sich in Grenzen halten. Sie müßten sonst den Eindruck haben, gleich zweimal zur Kasse gebeten zu werden: Mit niedrigeren Löhnen und geringerem Lebensstandard.

Eine allmähliche Verschlechterung der Sozialleistungen ist schon jetzt unverkennbar. Die Kommunen kargen mit nötigen Verbesserungen oder schröpfen alle Einwohner über die Grundstückssteuer, die in England jeder Mieter und Eigenheimbesitzer zahlt. Eine Kürzung der Staatsausgaben kommt aber immer einer Umverteilung des Wohlstandes zugunsten der Besserverdienenden gleich. Wenn man im Fernsehen die Bilder vom Beginn der Urabstimmung der Bergleute über die 4,5 Prozent sah und danach Aufnahmen von der müßiggehenden Klasse auf dem Derby in Epsom, dann erschien die Entscheidung der Kumpel im anderen Licht. Wer an einem einzigen Nachmittag beim Rennen soviel verwettet, wie seine schlechtverdienenden Mitbürger in Monaten verdienen, der sitzt eben nicht im „selben Boot“, an dessen opferwillige Insassen die Regierung so beredt appelliert.