Von Harald Steffahn

Am 15. Oktober 1941: „An Direktor. Bestätige noch einmal, daß Japan nicht gegen Sowjetunion marschieren wird. Japan wird Amerika und England angreifen. Gefahr für Sowjetunion vorbei.“

Sieben Wochen später – Stalins Mann in Tokio, Richard Sorge, von dem dieser Funkspruch stammt, war schon in Haft – griffen sibirische Elitedivisionen, gut ausgerüstet und kältegewohnt, im Raum Moskau die vom Winter überraschten deutschen Truppen an und zwangen sie in die Defensive. Zum erstenmal seit dem September 1939 ging es nicht mehr vorwärts. Die psychologische Kriegswende war erreicht; vielleicht auch schon die militärische, selbst wenn man es noch nicht sah.

Richard Sorge, diese Sphinx im Kimono, ist das Paradebeispiel für die Einflußnahme der Spione auf den Kriegsverlauf. Aber ist ein solcher Aktivposten der Geheimdienste gewichtig genug, um die Deckungslücken an anderer Stelle (und sei es auch nur, weil die Führung auf richtige Warnungen nicht entsprechend reagierte) schließen zu können?

  • Alle Nachrichten über den bevorstehenden deutschen Angriff auf die Sowjetunion – nicht zuletzt von Sorge selber – haben Stalin nicht daran gehindert, sich am 22. Juni 1941 überraschen zu lassen.
  • Obwohl die Amerikaner seit dem Juli 1941 den japanischen Purpurcode entschlüsseln konnten, blieb ihnen das Fiasko von Pearl Harbor nicht erspart.
  • Die Ardennen-Offensive im Dezember 1944 traf die Amerikaner wie ein Keulenschlag.
  • Die vielgerühmte Abteilung Fremde Heere Ost unter General Gehlen (um auch ein deutsches Gegenbeispiel zu nennen) wies in ihren Voraussagen eine bestürzende Fehlerquote auf, wie man spätestens 1974 aus einer erschöpfenden Analyse, in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte erfuhr.

Die Frage im Untertitel des Buches von

Anthony Cave Brown: „Die unsichtbare Front. Entschieden Geheimdienste den Zweiten Weltkrieg?“; Desch Verlag, München 1976; 828 Seiten, 38,– DM,