Der Präsident formulierte ein Postulat: „In unserem Land darf es keine Generation der Verlorenen, keine Generation der Überzähligen und kein Heer der Hoffnungslosen geben“ – so Walter Scheel in seiner aufsehenerregenden Ansprache in Nürnberg. Was nach den Worten des Bundespräsidenten nicht sein darf, zeichnet sich freilich bereits als Realität in deutlichen Umrissen ab: eine Jugend in Not, verlassen und einsam, ratlos und anpassungswillig, auf der Flucht in den Rausch, in Resignation und Illusion.

Die neuesten Belege für die These stehen in zwei jetzt vorgelegten Untersuchungen: einer bundesweiten Befragung von 241 Gymnasiasten der Klassen 11, 12 und 13 aus Schulen in Nord- und Süddeutschland durch den Hamburger Psychologieprofessor Manfred Amelang; einer regionalen Erhebung bei 250 Jungen und Mädchen zwischen 14 und 22 Jahren in der schleswigholsteinischen Stadt Neumünster durch eine Arbeitsgruppe und den Diplompsychologen Volker Evers.

Die Ergebnisse sind beunruhigend. Amelang fand heraus: Je näher die Schüler dem Abitur kommen, desto deutlicher „zeigt sich ein hochbedeutsamer Rückgang an Solidarität und Güte des Klassenklimas“; fast jeder zweite Schüler (45 Prozent) hat „schon des öfteren mit Rücksicht auf eine bessere Zensur meine wirkliche Meinung zurückgehalten“; zwei von drei Schülern (60 Prozent) sind der Ansicht, daß „die Angst vor dem Studienplatz jeden zum Einzelkämpfer macht“; 40 Prozent haben Angst vor der Zeit nach dem Abitur – verständlich, denn die Arbeits- und Ausbildungsplätze für 1,2 Millionen junge Menschen im nächsten Jahrzehnt sind heute noch völlig ungesichert.

In Neumünster fanden die Psychologen heraus: Die Jugendlichen fühlen „sich oft allein gelassen“. Was die Stadt ihnen an sinnvollen Möglichkeiten anbietet, ihre Freizeit zu gestalten, wird heftig kritisiert: Fast die Hälfte der Befragten glaubt, die Kommune kümmere sich zu wenig um ihre Belange, und nur jeder Zehnte ist mit der Jugendpolitik der Stadt einverstanden.

Es kann kaum überraschen, daß sich eine derart vernachlässigte Jugend politisch „sehr passiv verhält“: In Neumünster betätigen sich nur 16,5 Prozent der Jugendlichen politisch. Um so ausgeprägter ist das Bedürfnis bei immer mehr Jungen und Mädchen, durch einen oft übermäßigen Genuß von Rauschmitteln ihre Probleme zu vergessen:

  • Von 100 Jugendlichen rauchen 59; am häufigsten wird als Grund Nervosität angegeben;
  • mehr als die Hälfte der Jugendlichen (53,9 Prozent) nimmt „öfter Alkohol“ zu sich, jeder dritte trinkt, „um sich zu entspannen“;
  • ebenfalls jeder dritte hat schon einmal Drogen probiert, meistens Haschisch, doch 18,3 Prozent auch bereits Marihuana; harte Drogen wie LSD oder Opium sind bei etwa 6 Prozent verbreitet.

Nun ist Neumünster weiß Gott nicht der Nabel der Bundesrepublik, und die beiden nach Umfang und Sampel begrenzten Studien sollen auch nicht überbewertet werden. Andererseits ist Neumünster eine ganz „normale“ Stadt wie viele andere in diesem Land, und es spricht eigentlich nichts dagegen, daß es anderenorts nicht ähnlich um die Jugend steht. In dieser Situation wäre es wirklich geboten, daß der geistig-seelische Zustand der Jugend von einer zuständigen Stelle schnell und durch eine repräsentative Untersuchung erforscht wird.

Zu befürchten steht, daß die Ergebnisse von Amelang und Evers bestätigt würden. Sie sind alarmierend genug, und sie klagen an; meiner Meinung nach jedoch nicht die Jungen und Mädchen, die vielfach aus bedrückenden sozialen Verhältnissen stammen, sie klagen vielmehr die Eltern und vor allem die Verantwortlichen in den Kommunen, im Land und im Bund an: Ihre Jugendpolitik ist weitgehend ein Notstandsgebiet, obwohl es eine Grundwahrheit ist, die der Bundespräsident in Nürnberg aussprach: Die Jugend und zumal die kommenden geburtenstarken Jahrgänge „sind keine Last, sie sind eine Chance für uns alle, für unsere Wirtschaft, für unseren Staat und unser Volk und für unsere Zukunft als Nation“. Hayo Matthiesen