Ein sechsundzwanzigjähriger Hispanist hielt sich 1965 in Andalusien auf mit dem Vorsatz, eine Dissertation über die Dichtung García Lorcas zu schreiben. Etliche Spanier, die der Doktorand kennenlernte, mutmaßten, er sei einer der vielen, die wieder einmal die Umstände der Erschießung des Dichters recherchieren wollten, weshalb er schließlich genau das getan hat. Das Ergebnis ist –

Ian Gibson: „LorcasTod“, aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang; st 197, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 286 S., 8,– DM.

Das Buch, 1971 in Paris in spanischer Übersetzung und 1973 englisch erschienen, macht alle früheren Arbeiten über dieses Thema hinfällig; auch hat es rasch den Stand der Diskussion in Spanien verändert.

Am 19. August dieses Jahres werden es vierzig Jahre sein, seit Federico García Lorca, Spaniens damals berühmtester Dichter, im Alter von neununddreißig Jahren, bei Granada erschossen wurde. Mit ihm wurden an jenem Morgen viele andere ermordet, die wie er der Sympathie für die Republik verdächtig waren, etwa der Volksschullehrer Dióscoro Galindo Gonzales, an den sich der Totengräber noch Jahrzehnte nachher erinnerte, weil das Opfer nur ein Bein hatte.

Der lange Sreit über die Fragen: warum gerade García Lorca? war der Dichter besonders engagiert? gab es persönliche Rankünen? spielte ein Sittendrama hinein? ist deshalb sinnlos, weil der Dichter ein Opfer unter sehr vielen war. Allein durch seine Gründung eines Volkstheaters zählte er zu jener republikanischen Intelligenzschicht, die Francos Gefolgschaft damals ausrotten wollte. Ebenso überholt ist jetzt der lange Streit, ob es Klerikale und Falangisten waren, die an dem für Francos internationale Reputation peinlichen Vorfall die Schuld trugen: Die Verantwortung liegt eindeutig bei dem zivilen Gouverneur Valdes und dem militärischen Gouverneur Andalusiens, General Queipo de Llano, also bei den damals zuständigen Autoritäten.

An zwei Äußerungen des regimetreuen Akademikers José Maria Pemán läßt sich ermessen, wie sich im herrschenden Lager Spaniens das Bewußtsein gewandelt hat: 1948 schrieb Pemán, keine öffentliche Instanz habe mit der Erschießung Lorcas zu tun gehabt: 1972 rühmte er Gibsons Buch, worin das Gegenteil nachgewiesen wird, und empfahl – vergebens – die Veröffentlichung in Spanien.

Zwischen der spanischen und der englischen Ausgabe hat der Verfasser manches korrigiert und ergänzt; das hätte er, abermals drei Jahre später, auch für die deutsche Ausgabe tun sollen.

François Bondy