Unser Freund Alfred Grosser hat im Monde erwähnt, was in der Bundesrepublik besser sei als in Frankreich. Vorher hatte er dargelegt, was in der Bundesrepublik schlechter sei: Wir Deutsche, meinte er, gingen zu weit in unserer Weigerung, Kommunisten und Linksradikale Staatsdiener werden oder bleiben zu lassen. Es ist dasselbe Thema, das die Zeitungen beschäftigt, seit François Mitterrand, der Chef der französischen Sozialisten, auf die Idee gekommen ist, ein „Comité gegen die Berufsverbote in der Bundesrepublik“ zu bilden.

Wenn ich hier auch möglichst vermeiden will, den Staub der Argumente noch einmal aufzuwühlen, so komme ich um ein paar Feststellungen nicht herum: Wir sind nicht mehr die Deutschen Bismarcks, die nur Gott fürchten „und sonst nichts auf der Welt“. Wir fürchten Arbeitslosigkeit, Inflation und Kommunismus.

In Frankreich – bestätigt uns auch Alfred Grosser – ist das anders. Mögen hier Inflation und Arbeitsmangel sogar weiter fortgeschritten sein als bei uns, so meldet oder vertieft sich der Pessimismus; aber-zur Panik ist kein Anlaß. Und was die Kommunisten betrifft, so sagt Grosser in seinem Artikel, sie seien „glücklicherweise schizophren“. Danach bringen sie es als Beamte fertig, der Revolution zu dienen, aber zugleich dem Staate so, wie er ist.

Die Frage, was den sozialistischen Führer Mitterrand veranlaßt haben könnte, sein mittlerweile berühmt gewordenes Comité zur Bekämpfung deutscher Übelstände zu gründen, ist bereits heftig diskutiert worden. Wollte er einfach das Prinzip bekämpfen, das da heißt: Misch dich nicht in anderer Staaten Sachen ein?

Eben dies aber hat Helmut Schmidt neulich gegenüber Frankreich, England, Italien getan. Sagt man: Ja, er durfte es, denn er sprach als Europäer, so darf François Mitterrand das auch. Europa geht alle an und ist obendrein ein guter Entschuldigungsgrund. Abgesehen davon macht es offenbar Spaß, sich in anderer Leute Sachen einzumischen.

Alfred Grosser hat im Monde vom 1. Juni betont, der Respekt für den Pluralismus, das Verständnis für Kritik, die Toleranz, durchaus demokratische Tugenden – denn um solche geht es ja –, seien in der Bundesrepublik mehr entwickelt als in Frankreich. Er hat angedeutet, es ginge bei uns Bundesdeutschen demokratischer zu im „Fernsehen, in der Armee, in den Unternehmen“. Muß man nach alledem nicht auf den Gedanken kommen, daß wir nicht gegen Mitterrand protestieren, sondern seinem Beispiel folgen sollten?

Unsere Generäle könnten, die entsprechenden Comites vorausgesetzt, für mehr Savoir vivre in der französischen Armee kämpfen, unsere Fernseh-Journalisten könnten mit Plakaten nach Paris reisen, um auf den Champs Elysées zu protestieren, wenn die „Télé“ einen Kollegen entläßt, unsere Industriellen könnten sich dagegen auflehnen, daß es in Frankreich an Betriebsräten mangelt. Und das wäre nur der Anfang einer langen Einmischungs-Liste. Bürgert sich die schöne Sitte ein, so wird sich auch das Verbum einstellen: „Sich einmischen“ heißt „mitterrander“ beziehungsweise „mitterrandieren“.