Von Jens Friedemann

Es sollte „das Jahr der Aktie“ werden, wie die Frankfurter Börsenbriefe glaubten. Informationsbriefe, Tipdienste und Börsianer erwarteten noch vor zwei Monaten „den größten Börsenaufschwung in der Geschichte“ (Wirtschaftsmagazin Capital). Doch statt des Höhenfluges zerbrach eine weltweite Zins-Hysterie die Hoffnungen. Wie auf Kommando purzelten die Kurse diesseits und jenseits des Atlantiks.

Wall Street erlebte den schwärzesten Tag seit einem Jahr. London meldete in der vergangenen Woche einen neuen Jahrestiefstand. Deutsche Aktien, die Mitte April kurz vor einem neuen Rekord standen, fielen auf das Niveau vom Dezember vergangenen Jahres zurück. Kaum eine Börse der Welt blieb verschont.

Bankiers und Börsianer beschuldigten die Notenbanken. In Frankfurt hoben die Währungshüter die Mindestreservesätze im Mai an. Bis Anfang Juni mußten die Kreditinstitute vier Milliarden Mark zinslos bei ihr hinterlegen. In London zog die Bank von England mit einer Diskontsatzerhöhung auf 11,5 Prozent nach. US-Banken hoben Ende letzter Woche den Leitzins für Großkredite auf sieben Prozent und Anfang dieser Woche weiter auf 7,25 Prozent an.

Mit ihrem Bremskurs beenden die Währungshüter die Konjunkturpolitik des leichten Geldes. Sie hatte die Wirtschaft aus der Rezession und die Wertpapierkurse in die Höhe gejagt: den Commerzbank-Index in Frankfurt in achtzehn Monaten von 520 auf 822, den Londoner Industrie-Index von 150 auf 400, den Dow Jones in der Wall Street von 570 auf 1000. Kursrekorde meldeten die Börsen von Hongkong, Sydney, Stockholm.

Die weltweite Börseneuphorie endete in den vergangenen Wochen schlagartig. Bankiers und Börsianer, dem Höhenrausch steigender Kurse erlegen, reagierten „wie Süchtige auf den Drogenentzug“ (Wirtschaftsjournalist Walter Wannenmacher). Verunsicherte Anleger in der Bundesrepublik verkauften selbst attraktive Zehnprozenter am Anleihemarkt aus Angst, steigende Zinsen könnten sie um ihre Kursgewinne bringen.

Jetzt prophezeien dieselben Tipdienste, die noch vor zwei Monaten vom Superboom sprachen, eine neue Hausse. Der Grund: Rekordgewinne der Unternehmen. Hoechst meldete für das erste Quartal ein Plus von 54 Prozent. Mannesmann konnte seinen Gewinn mitten im Rezessionsjahr um 50 Prozent steigern. Während Bayer fürs erste Quartal ebenfalls ein Gewinnplus von 50 Prozent bekanntgab und VW mit Vollgas aus der Flaute fährt, fielen beide Papiere um fast zehn Prozent unter ihren diesjährigen Höchststand. „Das ist doch paradox“, meinten die Frankfurter Börsenbriefe.