Das schlimmste, was einer Stadt passieren kann: daß ihr hochsubventioniertes Theater niemanden aufregt, daß es brav Geld einnimmt, brav Geld ausgibt und sonst nicht weiter auffällt.

Nach einem solchen Theater, langweilig, aber tadellos verwaltet, scheinen sich manche Leute, leider auch manche Kulturpolitiker der Freien und Hansestadt Hamburg zu sehnen – anders sind die ständigen öffentlichen Klagen über das Deutsche Schauspielhaus nicht zu verstehen. Klagen über eine Bühne, die leider nicht immer, aber glücklicherweise immer wieder zu denen gehört, die sich noch der allgemeinen Verängstigung und Beflissenheit widersetzen. Warum der Staat dem Theater Subventionen zahlt, zahlen muß, ist gerade jetzt am Hamburger Schauspielhaus exemplarisch zu erleben: in Peter Zadeks „Othello“-Inszenierung, die es fertiggebracht hat, das Theater zu einem Hauptgesprächsthema in der Stadt zu machen.

Trotzdem schon wieder Lärm in der Bürgerschaft. Angefeuert von einer finsteren, zu allem (nur nicht zum Nachdenken) entschlossenen Lokalpresse rüstet sich eine Minderheit, den Intendanten Ivan Nagel aus seinem Amt zu jagen. Was tut nun die Majorität, was tun die Regierungsparteien, tut der Kultursenator, um das unqualifiziert angegriffene Theater zu schützen? Sie sind nicht etwa solidarisch mit den Theatermachern, sondern mäkeln auch noch, wenn auch mit Maßen. Daß der Intendant Nagel ein nahezu zerstörtes Ensemble wieder aufgebaut hat, daß das Deutsche Schauspielhaus zu den vier, fünf Bühnen im Land gehört, die künstlerisch zählen: das alles ist in Hamburg, wo man immer noch viel lieber über das Geld redet als über die Kunst, viel weniger wichtig als der sogenannte geschäftliche Erfolg.

Man weiß: das Hamburger Schauspielhaus hat in der Spielzeit 1974/75 320 000 Mark zuwenig eingenommen, 160 000 Mark zuviel ausgegeben. Auch in der jetzt laufenden Spielzeit drohen erhebliche Mindereinnahmen – diese durch eine wahre Vernichtungskampagne mitverursacht zu haben, darf sich die Lokalpresse als einen schönen Erfolg anrechnen.

Besonnene Kulturpolitiker müßten jetzt so argumentieren: Ein Theater wird allein deshalb subventioniert, damit es vor den kunstvernichtenden Mechanismen des freien Marktes wenigstens teilweise geschützt ist. Es ist öffentlich damit beauftragt, künstlerische Risiken einzugehen; und jedes künstlerische Risiko ist auch ein finanzielles. Es ist also schon theoretisch absurd, vom Intendanten ständig beides zu verlangen: das Wagnis und das große Geschäft.

Natürlich folgt daraus nicht, daß Kunst immer so viel kosten darf, wie es den Künstlern gerade gefällt. Aber auch die Schurkenrolle des skrupellosen Verschwenders paßt auf Nagel nicht – die Besucherzahlen sind seit seinem Amtsantritt ständig gestiegen, das Deutsche Schauspielhaus ist wirtschaftlich erfolgreicher als vergleichbar große Unternehmen in München und Berlin.

Jeder Intendant eines öffentlichen Theaters ist ein Bankrotteur, muß es sein. Es ist deshalb unwürdig, einen Intendanten, der kein schlechter Intendant ist, öffentlich wie einen Bankrotteur zu behandeln. Das Theater soll gefälligst um Gnade betteln, vielleicht läßt man es dann noch ein Weilchen weiterleben. Das nennt man effiziente Politik. In der Kultur sind die Macher die Kaputtmacher. Benjamin Henrichs