New York, New Orleans, San Francisco – bewundert viel und viel gescholten

Von Rudolf Walter Leonhardt

Städte entsprechen nicht dem amerikanischen Selbstverständnis. Schon Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA, von 1801 bis 1809, der zu eben jenem amerikanischen Selbstverständnis mehr beigetragen hat als irgendein anderer, stellte gern gegen die Verderbtheit der großen Städte das heile Amerika der Provinz. Sein später Nachfahre, Gerald Ford aus Michigan, handelte nur konsequent im Sinne des amerikanischen Selbstverständnisses, als er sich weigerte, der einzigen amerikanischen Weltstadt, New York, die jedes Jahr 20 Milliarden Dollar Steuern an den Bund zahlt, mit einer halben Milliarde zu Hilfe zu kommen. Der Beifall der Provinz war ihm sicher.

Große Städte seien, so nochmals Jefferson, "eine Pest für die Moral, für die Gesellschaft und für die Freiheit". Wer, wenn er mit offenen Augen durch Manhattan geht, wollte leugnen, daß Jefferson so ganz unrecht nicht hatte. Moralisch ist der Vergnügungsnepp um den Times Square herum, zwischen der 42. und der 53. Straße, gewiß nicht. Hinter Prostitution und illegalen Glücksspielen lauert, wie Franz Josef Strauß erfahren hat, immer auch Gewalt. Gesund kann es nicht sein, in den ratteninfizierten Slums von Harlem oder an der Lower East Side zu wohnen; in den amerikanischen Großstädten ist die Sterblichkeitsrate viel höher als auf dem Lande.

Was Jefferson mit dem Verlust der Freiheit in den großen Städten meinte, ist weniger klar. In New York City ist so frei wie nur irgend sonst auf der Welt und wohl noch kein bißchen freier, wer genügend Geld hat: für Taxis, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind schmutzig und unsicher; für teure Restaurants, denn auf der Hot-dog-Ebene ißt man eben wirklich ungefähr das, was die Bezeichnung bot dog verspricht; für eine Penthouse-Wohnung am Central Park oder am Fluß, deren Erholungswert so besser genossen werden kann, als wenn man etwa dort spazierenginge. Nur Touristen gehen spazieren in Amerika. Dabei gehört New York City zu den Städten, in denen man durchaus Spazierengehen könnte.

Man kann zu Fuß gehen

Im übrigen hat New York die Sorgen aller Großstädte, nur als die größte von ihnen noch ein bißchen mehr. Mit New York meinen wir eigentlich Manhattan (den kleinsten der fünf Stadtteile!), so wie wir mit New Orleans das französische Viertel, das Geschäftsviertel an der Kanalstraße und einen Teil des Garten-Distrikts meinen und mit San Francisco nur den Nordosten der Halbinsel, dessen Mittelpunkt Rathaus und Oper (Civic Center) sind, der von der Bay Bridge bis nicht ganz zur Golden Gate Bridge reicht, der auch als "Hafen und Hinterland" beschrieben werden könnte.