Manche führen die Unternehmungslust der Bürger von San Francisco darauf zurück, daß durch die ständigen Steigungen, auch auf dem Weg vom Parkplatz zur Wohnung oder zum Geschäft, die verfügbaren Energien dauernd gefordert werden. Mir scheint das eher das alte Goldgräber-Erbe, dessen Geist das goldene Kalifornien, die reichste Landschaft der Welt, noch heute erfüllt. Freilich, daß sich das Gewicht der Vereinigten Staaten nach Westen verlagere, wie mir schon vor zehn Jahren erzählt wurde – davon ist allenfalls im akademischen Bereich etwas zu merken, wo Stanford, Berkeley und die University of California an Rang und Ruf Harvard, Yale und Columbia nicht mehr nachstehen. Im übrigen liegt, kulturell wie politisch, das Schwergewicht nach wie vor im Osten.

Und der Süden bleibt wieder mal ganz außen vor, mit der Ausnahme von Texas als reichem Ölland.

New Orleans ist wunderschön. Dort wohnt man hübscher, ißt man besser als sonst irgendwo. Im Westend des Gartendistrikts haben sich die Plantagenbesitzer ihre großartigen Villen in klassizistischem Kolonialstil erbaut. Daran schließt sich östlich das Geschäftsviertel an um die Kanalstraße, mit einigen wenigen Wolkenkratzern (es werden freilich auch von Jahr zu Jahr mehr) und komischen alten Straßenbahnen, die auch in Europa bekannt wurden durch Tennessee Williams’ "Streetcar named Desire" (der Wagen hieß wirklich "Desire" und kann noch heute besichtigt werden).

Dann aber kommt das französische Viertel, le vieux quartier, wo die Straßen noch französische Namen haben. Aber sonst sind nur noch die Speisekarten bei "Antoine’s" französisch, dem wohl besten unter den vielen ausgezeichneten Restaurants.

Wird das Bild der Wohngegenden von San Francisco durch die Erkerfenster bestimmt, so fallen in New Orleans die vielen schmiedeeisernen Gitter, vor allem an den kleinen Balkons, auf. Aber das eigentliche Zentrum der Wohnkultur ist der päddioh genannte Patio, der liebevoll gepflegte, gern zum Garten ausgebaute Innenhof.

Ein letzter Versuch, zu unterscheiden: Von den drei Städten ist New York, die Metropole im Nordosten, die eindrucksvollste und interessanteste; San Francisco, die mexikanisch-amerikanische Hügelstadt an der Goldenen Pforte zum Paradies Kalifornien, ist die hübscheste; New Orleans, die Halbmondstadt am trägen Mississippi, spanisch-französischen Ursprungs, ist die freundlichste.

Die Rassenspannungen sind in New York mit seinem Riesengetto Harlem am größten; im ehemaligen Sklavenstaat Louisiana gibt es wenig davon. Die Verbrechensstatistik weist San Francisco unter den drei Städten als die gefährlichste aus. New Orleans soll die korrupteste der drei Städte sein. Aber dem Süden sagt man in Amerika wie in Europa gern nach, er sei korrupt. Tatsächlich erinnert New Orleans in manchem an Neapel. Das fröhliche Völkchen da unten, gut katholisch und der Gnade gewiß, nimmt uns strengen Nordländern das Leben wohl nicht ernst genug.