Von Klaus-Peter Schmid

Unter französischen Journalisten gehört es gegenwärtig zum guten Ton, die Bundesrepublik in finsteren Farben zu schildern. Da wird mit verstaubten Klischees gearbeitet, Gefahren werden an die Wand gemalt, unreflektierte Bewunderung schlägt um in grobe Kritik. Die Medien pflegen in der Regel ein modisch verzerrtes Deutschlandbild, wobei häufig ungeprüft nachgeplappert wird, was man woanders gelesen, gehört oder gesehen hat. Und bei manchem "Bericht aus Bonn" fragt man sich, ob Bonn wirklich noch am Rhein liegt.

Dabei ist es praktisch unmöglich, skeptischen Franzosen ein Buch in die Hand zu drücken, das ihnen ein aktuelles, seriöses und dabei leicht zu gängliches Bild von Deutschland vermittelt. Seit Alfred Grossers "Deutschlandbilanz" (Hanser Verlag, München) von 1970, einem zudem wissenschaftlich konzipierten Werk, hat sich kein Franzose mehr an dieses Thema gewagt. Nun versuchte sich Michel Meyer, Korrespondent des französischen Rundfunks und Fernsehens in der Bundeshauptstadt, an dem heiklen Gegenstand:

Michel Meyer: "L’Allemagne inachevée"; Denoël, Paris 1976; 240 S., 42 Francs.

Der Franzose versucht gewöhnlich als Journalist, seinen Zuschauern und Zuhörern nicht nur Bilder aus Deutschland zu vermitteln, sondern sie auch verständlich zu machen. Daran hält er sich auch als Buchautor. Seine Bilder aus Deutschland sind menschlich gesehen, mit Liebe zum Detail gezeichnet und von unverhohlener Sympathie für den deutschen Nachbarn geprägt. Er verleugnet nicht den Franzosen und spart nicht mit Kritik.

Dich vor jeder Kritik steht das Bemühen, dieses scheinbar oft unverständliche Deutschland zu begreifen – eine unter Auslandskorrespondenten recht seltene Tugend.

Dem Autor gerät dabei am besten, was er mit dem Auge des Reporters beobachtet. Seine Hauptthese: Die Deutschen sind von einer regelrechten Arbeitswut beseelt, weil sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlen. Es gibt keine glücklichen Deutschen mehr, sagt Meyer. Und das seit 30 Jahren! Die Deutschen wollen normal, vernünftig, effizient sein; die jenseits der Grenzen gängigen Vorstellungen von deutscher Romantik und Naturliebe sind überholt, die Funktionalisierung triumphiert. Betroffen vermerkt er: "Die Deutschen essen nicht, sie ernähren sich." Nirgends in Europa, so hat Meyer beobachtet, wird Kindern das Leben so schwer gemacht wie in der Bundesrepublik. Geld scheint die alles dominierende Motivation, Materialismus dominiert. Gegen Frustrationen gibt es Sex, schnelle Autos und Alkohol. Was Wunder, daß es der Jugend an Originalität fehlt.