Von Sibylle Ahlers

Fritz, neun Jahre alt, hat sich entschieden: Er will statt Seiltänzer Pilot werden. Nun hat mein Sohn bis heute zwar keine besondere Begabung für die Künste auf dem hohen Seil gezeigt, auch sind die Chancen für Seiltänzer nirgendwo jemals näher beleuchtet worden, aber ausgerechnet für Piloten sagen die Autoren des Battelle-Instituts in ihrem 1975 im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit erschienenen „Beiträgen zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ nichts Gutes voraus: „Der Bedarf an Arbeitskräften in dieser Tätigkeitskategorie (Wasser- und Luftverkehrsberufe) geht zurück, während das Angebot steigt.“

Allerdings warnt der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Dieter Mertens, gleich im Vorwort der Studie davor, zu hohe Erwartungen an Berufsprognosen zu stellen: „Es ist falsch und gefährlich, wenn aus einer Berufsprojektion generalisierende Aussagen wie z. B. empfehlenswert/nicht empfehlenswert abgeleitet werden ... Wer außerordentlich günstige Eignungsvoraussetzungen (und vielleicht noch einige zusätzliche Pluspunkte, z. B. familiäre Bindungen) für einen Beruf mitbringt, für den wird die Beschreibung der Durchschnittsaussichten selbst dann nicht sehr relevant sein, wenn es sich bei dem gewählten um einen insgesamt stark schrumpfenden Beruf handelt. Vielleicht sind seine Chancen sogar gerade dann ausgezeichnet.“

Berufsforschungen werden bei uns – im Gegensatz zu den prognosefreundlichen Amerikanern – erst seit wenigen Jahren für wichtig gehalten. Als 1967 die Arbeitslosenzahlen bedrohlich in die Höhe schossen, begann man ein Jahr später im neu gegründeten IAB Licht in die dunkle Zukunft des Arbeitsmarktes zu bringen. Bis dahin hatte es nur private Initiativen auf diesem Gebiet gegeben – verschiedene Studien der Prognos AG in Basel und eine dreibändige Dokumentation des „stern“ über Zukunftschancen ausgewählter Berufe.

Erstmals liegt jetzt also – basierend auf Daten der Volks- und Berufszählung von 1970, ein in sich geschlossener, detaillierter Überblick über Tendenzen und Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt bis zum Jahre 1990 vor. Wird es aber einer zukunftsorientierten Berufsberatung gelingen, Schulabgänger davor zu bewahren, sich für Berufe ausbilden zu lassen, die schon in wenigen Jahren keine Entwicklungs- und Verdienstmöglichkeiten mehr bieten? Wie aussagefähig und zuverlässig können Prognosen über die zukünftige Entwicklung eigentlich sein? Welchen Stellenwert haben Berufsprojektionen für die individuelle Ausbildungsentscheidung und welche Hilfen geben sie den Politikern?

Die Autoren der Studie relativieren die Ergebnisse ihrer Berechnungen mit Hinweisen auf Mobilitätsspielräume und damit, daß sie keine offizielle Langfristprojektion der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit darstellten. Vielmehr handele es sich um Modellrechnungen, die erkennbar machen sollen, wie sich der Arbeitsmarkt in berufsstruktureller Hinsicht entwickeln würde, wenn

1. die wesentlichen Arbeitsmarktstrukturen des Jahres 1970 – mit all ihren Zufälligkeiten – erhalten blieben, wenn