Von Friedhelm Gröteke

Die beiden Konjunkturlokomitiven USA und Bundesrepublik schleppen in der Wagenreihe der Industrieländer als letzten Anhänger auch Italien mit. Die Industrieproduktion des südlichsten EG-Landes ist in den ersten vier Monaten dieses Jahres um sechs Prozent gestiegen.

Nach einem Produktionsabfall um neun Prozent im Vorjahr ist die Tendenzwende eindeutig, auch wenn die Belebung bisher ausschließlich beim Export und bei einer Reihe von Konsumgüterindustrien sichtbar wird. Dennoch fragen sich Italiens Wirtschaftsexperten, ob das Land tatsächlich aus der Krise herauskommt oder ob die Besserung rasch vorübergeht. Daß dieser Mini-Aufschwung unter einem unglücklichen Stern steht, versteht sich unter den aktuellen währungs- und sozialpolitischen Voraussetzungen von selbst. "Dieser Aufschwung hat krumme Beine", konstatiert der angesehene Wirtschaftsprofessor Paolo Sylos Labini im römischen Nachrichtenmagazin "L’espresso".

Zusammen mit England ist Italien vom Anstieg der Erdöl- und Rohstoffpreise am schwersten unter allen westlichen Industrieländern getroffen worden. Aber anders als England bekommt Italien wegen der innenpolitischen Auseinandersetzungen die Krise nicht in den Griff. Ähnlich wie Japan muß Italien fast alle Rohstoffe und Energiequellen importieren. "Abnorme" zusätzlich belastende Faktoren für die Mittelmeerhalbinsel sind das sehr hohe Haushaltsdefizit und die aus Furcht einer politischen Systemveränderung anhaltenden Kapitalexporte. Wieder gemeinsam mit England registriert Italien einen überdurchschnittlichen Anstieg der Lohnkosten, ohne daß jedoch hier bisher irgendwelche Abkommen für eine zeitliche Begrenzung der Lohnexpansion getroffen werden konnten.

Auch die Wirtschaftstheoretiker, die Italiens Misere aus linkem Blickwinkel betrachten, sehen heute ein, daß außer einer Begrenzung der öffentlichen Ausgaben auch die Stabilisierung der Lohnkosten und die Steigerung der Produktivität unerläßliche Voraussetzungen dafür sind, daß die Volkswirtschaft aus der Sackgasse herauskommt. Aber: Wird nach den Parlamentswahlen vom 20. Juni eine Regierung zustande kommen, die genügend politische Vollmachten und wirtschaftliche Kompetenzen besitzt, um ein entsprechendes Programm zu verabschieden und durchzusetzen?

Die Aufgaben sind entschieden leichter zu definieren als die Lösungsmöglichkeiten. Denn zu sehr ist das Land bereits von den Fehlern der Vergangenheit gezeichnet. Seit 1970 sind die Lohnstückkosten der Industrie um 137 Prozent gestiegen, davon allein im letzten Jahr um 33 Prozent. Italiens Gewerkschaften sind heute bereits politisch derart mächtig, daß sie das italienische Wirtschaftssystem sprengen können. In den letzten Jahren haben sie ihre Macht benutzt, um die Industriegewinne zusammenzudrücken von rund 21 Prozent vor Steuern im Jahre 1969 auf acht Prozent im vergangenen Jahr.

Seit dem Ausbruch der Währungskrise am Anfang dieses Jahres holt die Industrie als Nutznießer der Inflation wieder etwas auf. Bei einer Jahresinflationsrate von 25 bis 30 Prozent wird dieser Prozeß sicher noch einige Monate weitergehen. Mit dem zunehmenden Linksdrall in der italienischen Politik wächst auch die Einsicht, daß mitregierenden Kommunisten nur ein intaktes Produktionssystem nützen kann. Die Frage ist, wie die Basis in den Betrieben auf Mäßigungsappelle der Gewerkschaftsführer reagieren wird. Wird es den Gewerkschaften zweifellos schwerfallen, als Ordnungshelfer einer linksgerichteten Regierung der Wirtschaft Luft zu verschaffen, so würde andererseits eine politische Patt-Situation nach den Neuwahlen mit Sicherheit zu neuen Streikwellen und sozialen Unruhen führen.