HR, NDR, Radio Bremen, SFB, WDR (Dritte Programme), Sonnabend, 5. Juni: „Das Jubiläum – Unsere Firma wird 50“, von Rolf Schübel

Warum wohl ist dieser Film den Fernsehzuschauern im südlicheren Deutschland nicht zugemutet worden? Wurde befürchtet, Rolf Schübel (er machte unter anderem, zusammen mit Theo Gallehr, 1970 eine Sozialreportage über die Stillegung der Phrix-Werle unter dem Titel „Rote Fahnen sieht man besser“) würde den Termin nicht verstreichen lassen, ohne wieder einmal ein Korn linken Zweifels zu säen?

Aber Schübel hat inzwischen vieles eingesehen. Fernsehen müsse ausgewogen sein, und zwar nicht nur das Gesamtprogramm oder jede einzelne Programmsparte, sondern jede Sendung? Also ließ er alle Seiten zu Wort kommen. Fernsehen sei nicht dazu da, daß sich einzelne Programmmacher mit ihren vielleicht vorwitzigen Meinungen agitierend oder auch nur interpretierend in ihr Material hineindrängeln? Also verzichtete er auf jeden eigenen Kommentar. Fernsehen habe keinen sozialen Unfrieden zu entdecken und zu schüren? Also ist sein neuer Film eine Reportage aus dem Himmelreich tiefsten sozialen Friedens geworden.

Im letzten Sommer feierte in West-Berlin die Ormig, eine Fabrik für Vervielfältigungsgeräte, ihr fünfzigjähriges Bestehen. Schübel interviewte den Inhaber und seine Familie, leitende Angestellte, Betriebsräte, ältere und jüngere Arbeiter, ein Rentnerehepaar; er filmte die Proben zu den Festivitäten und diese selbst – Tanz und Tombola. Eine Belegschaft stellte dar, wie das praktisch aussieht, was die Harmonie-Ideologen dem Land herbeisehnen: die perfekte Betriebs-„Familie“.

Der Besitzer: stolz auf sein Werk, auf sein „Team“, durchdrungen von den „enormen Vorteilen“, die es mit sich bringt, wenn die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit bei sechzehn Jahren liegt; und selber offenbar nicht nur voll angenehmer Erinnerungen an die poltrigen Führungspraktiken seines „autarken“ Vaters, des Firmengründers. Die älteren Arbeiter und Angestellten: anhänglich und bereit, zum Jubiläum Rührung zu verspüren. Die jüngeren: wesentlich nüchterner – für sie bedeutete das Jubiläum, soweit es das aus ihren Äußerungen schließen ließ, vor allem einen halben Tag frei und ihre Arbeit einen „Job“; so drückte sich jedoch auch der Erbe aus, der lieber Klavier studiert hätte, am liebsten alle Welt duzen würde und mit unguten Vorahnungen der Zeit entgegensieht, da er selber „sachlich notwendige“ harte Entscheidungen wird treffen müssen. Keine Beschwerden, allerdings auch trotz der organisierten Feststimmung ein Mehltau von Mißmut über allem.

Von Klassenkampf keine Rede: Der „politischste“ Arbeiter war offenbar schon dankbar, wenigstens einem jungen Kollegen seinen Kummer darüber ausdrücken zu können, daß es selbst der Gewerkschaftsgedanke in dieser Firma schwer habe. Und der Betriebsrat? Er verehrte dem Inhaber zwei Lorbeerbäume zum Jubiläumsfest mit dem Begleittext: „So wie im sportlichen Wettkampf dem Sieger der Lorbeerkranz gebührt, so gebühren Ihnen als dem Sieger in ungezählten Konkurrenzkämpfen diese Lorbeerbäume. Die Belegschaft überreicht sie Ihnen... in der festen Gewißheit, daß Sie niemals auf diesen Lorbeeren ausruhen, sondern auch in Zukunft zum Wohle der Ormig von Sieg zu Sieg eilen werden.“ Innerbetriebliche Konflikte gab es in der Zeit, von der der Film erzählt, anscheinend nur drei : die Einführung der Kurzarbeit, die Gewährung des arbeitsfreien Tags zum Jubiläum und die Frage, ob die Styropor-Buchstaben der Jubiläums-Inschrift weiß oder golden sein sollten. Nur in diesem Punkt hatte sich der Unternehmer durchgesetzt: Es wurde Goldbronze gespritzt.

Gewiß, da gab es Kontraste, Bilder, die der Harmonie der offiziellen und privaten Äußerungen widersprachen. Dem Speisezettel des Festmahls stand das halbe Hähnchen für die Belegschaft gegenüber; dem Spültisch des Rentners die Zimmerflucht in der Unternehmervilla; dem unbeholfenen Politisieren in der Kneipe das lässige Familiengeplauder auf den Gartenstühlen. Hier aber dachte niemand ernsthaft Böses darüber.