Von Dieter Stolte

Der "Fall" des Filmkaufmanns und -produzenten Leo Kirch hat gezeigt, daß die öffentlichrechtlichen Fernsehanstalten durchaus nicht mehr in der Unschuld ökonomischer Unabhängigkeit arbeiten. Auch wenn die inzwischen veröffentlichten und ganz, halb oder überhaupt nicht dementierten Zahlen außer Betracht gelassen werden, ist doch deutlich geworden, daß wir inzwischen nicht nur eine politische Unabhängigkeit und Neutralität der Funkanstalten fordern und verteidigen, sondern vor allem die Gefahr einer Abhängigkeit von finanziell mächtigen Gruppen oder Einzelpersonen unter den Zulieferern erkennen müssen. Der seit dem 1. März dieses Jahres beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) amtierende neue Programmdirektor Dieter Stolte umreißt im folgenden die Gründe der Zusammenarbeit des ZDF mit den freien Fernsehproduzenten und nimmt dabei Stellung zu dem Artikel "Mainzelmann macht’s möglich" in der ZEIT Nr. 23 vom 28. Mai 1976.

Vor zwei Wochen hat die ZEIT in dem "Entschluß des ZDF, die für den Sendebetrieb notwendigen Produkte zu einem gewissen Teil von freien Produzenten herstellen zu lassen", ein "Dilemma" gesehen. Tatsächlich hat sich das ZDF im Jahre 1962 entschlossen, von dem Paragraphen 22, 2 des Staatsvertrages ("Soweit die Anstalt das Programm nicht selbst herstellt, kann sie es von Dritten herstellen lassen oder erwerben") einen umfassenden Gebrauch zu machen. Das war auf Gründe zurückzuführen, die im wesentlichen auch noch heute gelten.

Das ZDF ist nun einmal die einzige zentrale Rundfunkanstalt in der Bundesrepublik (wenn man vom Deutschlandfunk und der Deutschen Welle absieht). Es wurde zudem ohne ausreichendes Gründungskapital praktisch auf die grüne Wiese gestellt. In Mainz gab es 1962 weder eine film- und fernsehtechnische Industrie (wie beispielsweise in München, Berlin und Hamburg), noch einen zu ihr korrespondierenden Kulturbetrieb. Es war also sowohl ein Gebot volkswirtschaftlicher Vernunft als auch öffentlich-rechtlicher Ökonomie, bestehende personelle und sachliche Kapazitäten im privatwirtschaftlichen Raum zu nutzen und auf den Aufbau neuer Produktionsstudios, neuer Produktionsstäbe, neuer Dramaturgien bis zu einem gewissen Grade zu verzichten.

Dies hat freilich zu keiner Zeit bedeutet, daß das ZDF den Produzenten gegenüber lediglich nur als Abstrahier fertig angelieferter Programme oder Programmteile fungiere. Die Programmverantwortung ist immer von der Geschäftsführung und den Redaktionen ungeteilt und ohne jede Einschränkung geübt worden. Sie kontrollieren die Herstellung und bestimmen, was produziert, was und wann ausgestrahlt wird.

Der ZEIT-Artikel will die Gefahr einer "Konzentration und ihrer Konsequenzen" auch im Bereich der elektronischen Medien bekämpft wissen. Doch hat ja das ZDF gerade diese Konzentration durch seine Programmpolitik verhindert: Hätte es nicht 1962 wie heute eine Vielzahl von leistungsfähigen Produzenten gegeben, das Programm wäre gewiß nicht am 1. April 1963 gestartet, und bei der besonderen kulturellen Infrastruktur unserer Landes wäre es allzu schnell in einem sterilen Zentralismus erstarrt. Erst der Wettbewerb der Produzenten, ihr legitimer Ehrgeiz, Ideen durchzusetzen und Geld zu verdienen, hat dem ZDF-Programm jene kreativen Reibungsflächen gebracht und erhalten, über die ein föderatives System wie die ARD mit ihren neun Fernsehspieldramaturgien, neun Musikredaktionen und neun Produktionsstäben an sich schon verfügt.

Die Zusammenarbeit mit den freien Fernsehproduzenten garantiert nicht nur die Kontinuität und den Zuwachs an Kreativität, sie erhielt der Anstalt bis zu einem gewissen Grade auch eine Mobilität im personellen und produktionellen Bereich, wie sie im Vergleich zu anderen Rundfunkanstalten und Regiebetrieben der öffentlichen Hände einzigartig ist. Bei den Produzenten handelt es sich vorwiegend um Firmen, die mit einem kleinen Stamm festangestellter Mitarbeiter operieren, während sie – je nach Auftragslage – diesen Stamm durch freie Produktionskräfte auf das Notwendige ergänzen. Damit erhalten sich diese Firmen ihre Flexibilität; sie können sich den jeweiligen Programmnotwendigkeiten in einem Maße anpassen, das den Rundfunkanstalten auf Grund bestehender Gesetze weitgehend fehlt. Diese Flexibilität und die privatwirtschaftliche Geschäftsführung bringen es mit sich, daß in bestimmten Bereichen, vor allem bei Serien- und Auslandsproduktionen, Auftragsproduktionen in den Kosten den Eigenproduktionen weitgehend gleichzusetzen sind, und das, obwohl diese Unternehmen Gewinne erzielen müssen.